Vom 16.12.2014 -- Hannes Leitlein
Niemand will mehr Nazi sein
Demonstranten der Bogida in Bonn

Nach Dresden und Düsseldorf demonstrierten am Montag auch in Bonn die »Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes«. Samuel Dekempe (KNA) und Hannes Leitlein (Christ & Welt in der ZEIT) mischten sich unter die Demonstranten und kommentieren hier ihre Eindrücke

 

 

Selbst Nazis wollen inzwischen keine Nazis mehr sein. Das dürfen wir bei der Bogida-Demonstration in Bonn lernen. Der Presseausweis macht es möglich, uns unter die »besorgten Bürger« zu mischen, die sich von den Demonstrationen in Dresden ermutigt fühlen, auch die Bonner Luft zu vergiften. Nach Dienstschluss im Medienhaus machen wir uns also auf zum Kaiserplatz.
 
Im Gegensatz zu den Demonstranten in Dresden sind die Bonner äußerst redefreudig. Die Presse hat wenig Mühe, Interviewpartner zu finden. Es herrscht nahezu Eins-zu-Eins-Betreuung. Und die Demonstrantinnen und Demonstranten singen wie die Vögel. Zwischendurch wird intern auch gestritten: Ob Afrika an seiner Lage nun selbst schuld sei oder ob es die Kolonialisten waren, die den Kontinent zu Grunde gerichtet hätten. Zumindest wird man sich darüber einig, dass Schwarze ja ihren eigenen Kontinent hätten und nicht »zu uns« kommen müssten.

 

Bekannte Gesichter aus der Naziszene

Die Organisatorin der Demonstration ist Melanie Dittmer. Auf der Ladefläche des weißen Demo-Busses tritt sie sehr selbstbewusst auf. Hetzt gegen die Polizei. Hetzt gegen die Presse: »Die Journalisten sind die Totengräber Deutschlands.« Im Rheinland und im Ruhrgebiet ist sie recht bekannt. Ihre Karriere hat sie bei den Jungen Nationaldemokraten (JN) gestartet – der Jugendorganisation der NPD. Vor einigen Jahren feierte sie öffentlich ihren angeblichen Ausstieg aus der rechten Szene. Tauchte aber immer wieder bei Demos auf. Als Pressefotografin. An- und Abreise gemeinsam mit den Neonazis. Wahrscheinlich aus rein praktischen Gründen. Heute ist die 36-Jährige Beisitzerin im Bundesvorstand der rechtsradikalen Partei »Pro NRW«. Auch das sagt eine Menge über Bogida aus. »Wir sind keine Nazis«, sagen sie. Von ihnen an die Hand nehmen lassen sie sich aber gerne.
 
»Die Nazis waren bekennende Sozialisten«, sagt einer, der als »Michael Mannheimer« vorgestellt wird – bei dem es sich aber um den Internet-Publizisten und Islamfeind Karl-Michael Merkle handelt. Die Nazis seien gar nicht rechts gewesen. Die eigentlichen Nazis seien die Linken, die Sozialisten, die Kommunisten, die Antifaschisten, die da drüben, die von der Gegendemonstration. Sie hätten nichts anderes im Sinn, als »unser heiliges Deutschland« zu zerstören. Dass Nazis die Geschichte verklären, ist nicht neu. Aber dass sich Nazis von Nazis distanzieren, das überrascht uns.

 

Der Applaus ist eindeutig

Die Zusammensetzung der Bogida-Demonstranten ist vielschichtig, oder besser gesagt: uneinig. Festhalten aber können wir: Die meisten von ihnen sind rechtsradikal. Ihre Gesinnung bewegt sich am rechten Rand dessen, was unser Grundgesetz zulässt. Unter den Demonstranten sind aber neben Melanie Dittmer und Karl-Michael Merkle auch einige Rechtsextreme, denen das Grundgesetz eher eine Last zu sein scheint. Gerne würden sie es außer Kraft setzen, um ihre kruden Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Das wird in ihren Redebeiträgen deutlich, für die sie kräftig Applaus bekommen. Von Männern in schwarzen Kapuzenpullis und Lederhandschuhen – aber auch von älteren Damen mit Hochsteckfrisur und Regenschirm. Sie seien nur besorgte Bürger, sagen sie. Aber das sind sie nicht. Besorgte Bürger applaudieren nicht, wenn Nazis hetzen.