Vom 12.05.2020 -- Karin Pill
Das Leben ist einfach unberechenbar

Ich gehöre zu jenen Menschen, die die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr nutzen, um den Urlaub für das nächste Jahr zu planen und zu buchen. Die am Dienstag schon Pläne für Sonntag schmieden. Bisher hat das immer wunderbar funktioniert (ab und an habe ich damit möglicherweise meine Mitmenschen ein bisschen gestresst). Außerdem bin ich eine Meisterin darin, mir schon Monate im Voraus Gedanken über meine Kleiderwahl für eine bestimmte Veranstaltung zu machen.  Welche Schuhe passen zu welcher Handtasche? Lieber die Silber- oder die Goldkette? All das sollte, in meinen Augen, wohl überlegt sein.

So war es auch vergangenen März. Am 13. März kaufte ich mir einen Rock, den ich mir schon Monate im Voraus ausgeschaut hatte, um ihn zu einem Fest am ersten Mai zu tragen. Ich freute mich sehr, denn, so dachte ich, sei ich nun gut vorbereitet auf einen Termin, der noch sieben Wochen entfernt war. „Ommm“ – Das klang nach Entspannung. Doch dann kam Corona: am 16. März wurde in Bayern der Katastrophenfall ausgerufen, die Läden wurden geschlossen. Ob das Fest am 1. Mai stattfinden wird? „Ach na klar. Wirst schon sehen“, sagte mein Mitbewohner. Die kommenden Tage führten mir dann jedoch vor Augen: In Corona-Zeiten ist nicht einmal das Amen in der Kirche sicher! Was an einem Tag noch als normal gilt, ist es am nächsten Tag schon lange nicht mehr. Geschäfte, Restaurants, sogar Kirchen: zu. Mein Zug von Augsburg nach München gleicht dem ersten Zug morgens um vier Uhr früh. Nur: Es ist eigentlich Rush-Hour. Die kommenden Wochen verbrachte auch ich im Home Office. Dass das Fest am ersten Mai nicht stattfinden würde, musste ich mir sehr schnell selbst eingestehen. Dass mein sorgsam im Dezember 2019 geplanter Urlaub für Ende April 2020 auch nicht stattfinden würde, nahm ich zähneknirschend hin. Auch den Rock würde ich wohl so schnell zu keinem einzigen Event anziehen könnten, denn alle Veranstaltungen sind bekanntlich bis Ende August abgesagt. Ich schalt mich selbst eine Närrin: „Nie mehr – das schwöre ich – mache ich Pläne so weit im Voraus!“, schimpfte ich.

Das Corona-Virus mit all seinen Gräueln bringt doch allerhand erforderliche Spontanität in unser Leben. Statt durchgeplant zu sein von A bis Z erlebe ich für mich völlig ungewohnte Verpeiltheit. Heute einen spontanen DVD-Abend mit dem Mitbewohner? Na klar! Am Nachmittag eine Rad-Tour durch das Münchner Umland? Oh ja! Da bleibt mir nur zu sagen: Danke Corona. Du bringst zweifellos viel Leid, Stress und Herausforderung. Kein Mensch hätte Dich vermisst, wärst Du nicht ausgebrochen. Und dennoch: Du hast mich gelehrt, dass sich nichts durchplanen lässt. Dass das Leben einfach unberechenbar ist.