Vom 19.04.2015 -- Samuel Dekempe
Acht Worte, eine Zahl und ein Bindestrich

Vor ein paar Tagen habe ich noch über die Schönheit des Bodensees geschrieben. Wie gut es mir dort geht. Wie man den Job als Journalisten genießen kann. Was er für wunderschöne Möglichkeiten bietet.

Heute dann die brutale Ernüchterung. Eine Eilmeldung auf meinem Smartphone: „Flüchtlingsboot im Mittelmeer gekentert – bis zu 700 Tote befürchtet.“ Sonntagmorgen. Ich habe gerade gefrühstückt. Der Kaffee hat geschmeckt. Das Nutellabrot auch. Die Sonne hat die Küche erhellt.

Dann vibriert mein Handy – die Meldung. Acht Worte, eine Zahl und ein Bindestrich genügen. Der Kaffee schmeckt nicht mehr, das Brot auch nicht. Die Sonne ist mir total egal.

Fragen kommen auf. Warum passiert so etwas immer wieder? Welche Verantwortung tragen wir als Journalisten? Warum interessiert sich die Öffentlichkeit nicht für solche Tragödien? Es muss sich doch was ändern.

700 Tote. Das sind fünf vollbesetzte Flugzeuge. Aber die ganze Welt wartet auf die Geburt des royalen Babys. Ich komme mir in meiner Aufgabe verloren vor. Wir als Journalisten haben doch die Mittel und Möglichkeiten, die wirklich wichtigen Themen in die Öffentlichkeit zu tragen.

Was kann ich tun? Ich weiß es nicht. Ich gebe mein Bestes. Schreibe hier. Eine andere Möglichkeit habe ich gerade nicht.

Damit sich etwas ändert, muss sich die Menschheit dafür interessieren. Ich als Journalist habe es in der Hand. Es muss sich etwas ändern. Sonst macht unsere Arbeit keinen Sinn. Wenn sich mehr Menschen dafür interessieren, ändert sich auch die Politik. Davon bin ich überzeugt. Ich kann etwas bewirken. Die Hilflosigkeit bleibt trotzdem. Denn morgen bin ich wieder am See und berichte über die wirklich wichtigen Themen: Die Jahresgewinne der regionalen Banken.