Vom 08.05.2019 -- Sophia Junginger
Reportage - die Königsdisziplin?
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„Die Reportage ist die Königsdisziplin des Journalismus.“ Wie oft habe ich diesen Satz in meinem bisherigen Dasein als Hörfunkjournalistin schon gehört? Zugegeben – dieses Dasein ist noch nicht das längste, und trotzdem habe ich den Satz schon unzählige Male gehört und gelesen. 

Während meines Volos habe ich bisher erst eine Reportage fürs Radio gemacht. Blutige Anfängerin also. Die ganze Arbeit und Vorausplanung, die mit einer Reportage zum Hören verbunden ist, empfand ich als doch nicht ganz ohne: O-Töne, Atmo, verschiedene Geräusche einzeln aufnehmen, alles detailliert beschreiben und dabei auch noch authentisch und sympathisch rüberkommen. Für mich als Volontärin war diese erste Reportage, diese erste „Königsdisziplin“, durchaus eine Herausforderung.

Um sicherer darin zu werden, wie man gute Reportagen fürs Radio macht, bin ich also am Wochenende nach Frankfurt zu einem Reportage-Workshop gefahren. Immer im Hinterkopf den Satz: „Die Reportage ist die Königsdisziplin des Journalismus.“ 

Unser Dozent – ein erfahrener Reporter vom Hessischen Rundfunk – räumte aber gleich zu Beginn des Workshops mit dem Gerücht auf, dass Reportagen soooo schwer seien. Aus seiner Erfahrung könne er sagen, dass Reportagen so viel einfacher seien als gebaute Beiträge. Habe man einmal den Dreh raus, laufe die Reportage wie von selbst. Und während die anderen Kollegen noch an ihren gebauten Beiträgen säßen, sei er ja ratzfatz fertig gewesen mit seiner Reportage. Ratzfatz. Eine Reportage? Ist klar. 

Dass Reportagen nicht so schlimm sind, wie allgemein befürchtet, sollten uns verschiedene Übungen zeigen. Übung Nummer eins: alle Workshopteilnehmer*innen halten sich die Augen zu. Nur ich greife mit offenen Augen in eine Tüte und ziehe etwas heraus. Eine Zeitung. Die galt es jetzt so zu beschreiben, dass jeder wusste, wie sie aussieht. Und Geräusche mit ihr zu machen, damit jeder wusste, wie es sich anhört, in einer Zeitung zu blättern. Denn Details und Geräusche – die machen eine Reportage lebendig. Übung Nummer zwei: eine kurze Reportage über die Fahrt mit dem Aufzug einsprechen. Wichtige Details beschreiben, unwichtige weglassen. Und dann kam die dritte und letzte Übung. 

Schon mal vorweg: hierfür musste ich wirklich meine Hemmschwelle überwinden. Die Aufgabe: Sich an die Hanauer Landstraße stellen (eine der Hauptverkehrsstraßen in Frankfurt), warten bis die Ampel rot wird und dann an die Scheiben der Autos klopfen mit der Frage: „Wieso fahren Sie denn bei der aktuellen Klimadebatte noch mit dem Auto in die Stadt und nicht mit den Öffentlichen?“ Und das Ganze bitte so, als ob es eine Live-Reportage wäre. 

Ich mich also an die Straße gestellt, Ampel wird rot und los geht’s: „Ich stehe hier an der Hanauer Landstraße, ein Auto nach dem anderen fährt an mir vorbei. Die Ampel springt auf rot und ich frage jetzt mal die Autofahrer, weshalb sie noch mit dem Auto in die Stadt fahren. Hier sitzt eine Dame in einem roten VW (klopfe an die Scheibe) … sie will nicht mit mir reden, okay. 

Im nächsten Auto, ein schwarzer BMW, sitzt ein junger Mann. Hallo, darf ich Sie mal was fragen? Wieso nehmen Sie denn das Auto und nicht die Öffentlichen? (Er fängt an zu reden) Entschuldigung, das müssten Sie mir bitteins Mikro sagen. Lassen Sie doch mal die Scheibe runter.“ (Er lässt die Scheibe runter, ich hänge mit dem Mikro und meinem rechten Arm im Auto) Er: „Ja, die Öffentlichen kommen halt immer unpünktlich.“ Ich: „Aber mit dem Auto steht man hier im Stadtverkehr ja auch oft im Stau. Mal ganz abgesehen von den Abgasen. Interessiert Sie das nicht?“ Er: „Mh… keine Ahnung. Oh, Ampel wird grün, ne? Also ciao.“ (Ich ziehe noch rechtzeitig das Mikro aus dem Auto und springe zurück auf den Gehweg.) „Diesem jungen Mann kommen die öffentlichen Verkehrsmittel in Frankfurt also nicht pünktlich genug. Ob das ein überzeugendes Argument ist, bleibt allerdings fraglich und damit zurück ins Studio.“ 

Damit beende ich meine „Live-Reportage“, drücke auf den roten Knopf des Mikros und muss erst mal durchschnaufen und gleichzeitig kurz lachen. Die Reportage als Königsdisziplin? Unter solchen Umständen mit Sicherheit. Denn dort an der Straße zu stehen, die rote Ampel abzuwarten und dann mit dem Mikro in der Hand auf völlig fremde Autos und darinsitzende fremde Menschen loszurennen, war wirklich eine Herausforderung. Die meisten Leute ließen ihre Scheibe nämlich nicht runter. Und Hand aufs Herz: Wäre ich in ihrer Situation gewesen, hätte ich der Verrückten mit dem Mikro vielleicht auch nicht aufgemacht. Und so ganz nebenbei musste ich dann auch noch drauf achten: Beschreibe ich alles ausreichend? Bin ich authentisch? Stelle ich die richtigen Fragen? 

Klar – das hier war „nur“ eine Übung. Die Reportage wurde nicht live im Radio gesendet. Und doch hat die Übung mir gezeigt, worauf es ankommt, sollte ich mal die Ehre haben, eine Live-Reportage im Radio machen zu dürfen. 

Nach sieben Stunden Workshop bin ich dann wieder nach Hause gefahren. Der Satz mit der Königsdisziplin schwirrte mir auch dann noch im Kopf herum. Dieses Mal allerdings mit einem positiven Gefühl behaftet. Die Reportage ist mit Sicherheit eine sehr anspruchsvolle Beitragsform. Allerdings auch eine, die unfassbar viel Spaß macht und bei der man über sich selbst hinauswachsen und seine Komfortzone verlassen kann. In Zukunft werde ich mich also öfters mal an diese Königsdisziplin des Journalismus wagen.