Vom 24.03.2015 -- Christoph Hartmann
Radiokunst aus dem 17. Stock

Manche Leute behaupten, der Kölner Dom hätte zwei Türme. Von hier oben sieht es aus, als hätte er nur einen. Wir stehen in der 17. Etage eines Hochhauses in den Außenbezirken von Köln: Die Domradio-Volontäre sind zu Besuch beim Deutschlandfunk.

Hier oben sitzt der Redakteur des Feature-Formats „Freistil“, Klaus Pilger. Der hochgewachsene Mittfünfziger strahlt eine ganz natürliche Gelassenheit aus, in seinem Büro steht Alfred Kerrs „Die Welt im Drama“ im Bücherschrank, an einer Fenstersäule lehnt ein abstraktes Bild. Klaus führt uns durch den engen Gang und fährt mit uns hinunter zu den Studios. „Hier saßen früher eine Reihe junger Frauen nebeneinander. Der Redakteur kam in den Gang, rief zum Beispiel: ‚Studio 3.2‘ und eine der jungen Damen sprang auf und rannte los. Hier saßen nämlich die Techniker.“ Heute ist es ruhiger und die Stuhlreihe der Techniker gibt es nicht mehr. Stattdessen sitzen zwei Redakteurinnen in den Sesseln und unterhalten sich. Um sie herum ist das ganze Carré voller Studios - doch die sind kleiner geworden: Im Gegensatz zu vor zwanzig Jahren gibt es nur noch wenige Techniker, viele Redakteure sprechen alleine ein.

Raum ohne Geräusch

Klaus führt uns zu einem besonderen Highlight des Hauses: „Jetzt gehen wir in den schalltoten Raum“, verkündet er freudestrahlend. Von „schalltot“ haben wir nur eine eher vage Vorstellung. Jedes Studio ist irgendwie abgedämmt - aber so gar keine Geräusche? Wir sind unsicher, folgen Klaus aber gerne durch die verwinkelten Gänge des Hauses.

Wir betreten den schalltoten Raum: „Hier werden Hörspiele und Features produziert“, sagt Klaus.  Schon nach wenigen Sekunden fühlt es sich an, als ob sich ein unsichtbarer Belag über die Ohren legen würde. Klaus kennt das Gefühl schon: „Menschen sind nicht dafür gemacht, in einer Umgebung ohne Geräusche zu sein. Dadurch spielen die Ohren verrückt und der Gleichgewichtssinn versagt bei manchen Menschen. Es gibt Leute, die hier drin wahnsinnig werden. Nicht umsonst sind solche Räume auch Folterinstrumente.“ Wir gucken Klaus etwas verunsichert an. „Damit ihr mal seht, wie sich das anfühlt, schweigen wir jetzt mal 15 Sekunden“, sagt er nur. Also sind wir ruhig.

Sofort legt sich eine lähmende Stille über uns. Jeder hört sein eigenes Blut durch die Adern fließen, selbst die kleinste Bewegung ist zu hören. Schon nach etwa fünf Sekunden merke ich: Ich kann das nicht gut ab, meine Beine werden weich und mein Stand merklich unsicherer. Es ist, als wären meine Ohren verstopft und nichts würde zu ihnen durchdringen. „Das waren jetzt 17 Sekunden“, Klaus lächelt und sieht in unsere etwas erstaunten Gesichter. Wirkung erreicht. Wir dürfen uns wieder in geräuschvollere Gefilde begeben.