Vom 11.11.2014 -- Stefan Döring
Jubel und Demütigung am Kickertisch

Wenn man neu in eine Redaktion kommt, ist es immer etwas Besonderes: Viele neue Gesichter, andere Aufgaben als sonst und natürlich andere Gepflogenheiten. So war es auch bei mir, als ich mein Praktikum im Online-Sport bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung in Essen begann. Eigentlich. Denn zumindest das mit den vielen neuen Gesichtern stimmte nur zum Teil. Durch meine Arbeit in den Stadien des Ruhrgebiets kannten mich einige Redakteure bereits. Die anderen sollten mich schnell kennenlernen, denn ich fügte mich auf ungewöhnliche Art und Weise ein. Danach kannte mich jeder.

 

Bei der WAZ ist es üblich, dass zur Auflockerung während des Tages die eine oder andere Partie am Kickertisch gespielt wird. Für mich als „Frischling“ in der Redaktion kein Problem, spielte ich doch früher in Opas Keller häufiger. Doch schnell musste ich feststellen, dass das Kickern in einer Sportredaktion doch etwas anspruchsvoller ist, zumal mir die wichtigste Regel eingeimpft wurde: „Wer zu Null verliert, krabbelt!“ Das Ziel in jedem Spiel war es also, nicht zu krabbeln, unbedingt ein Tor zu erzielen.

 

Das war noch keinem gelungen

 

Vor meiner ersten Partie hatte ich Muffensausen. Ich wollte doch nicht gleich am ersten Tag krabbeln müssen. Und es begann äußerst schlecht: Den ersten Satz verlor ich mit meinem Partner haushoch, immerhin nicht zu Null. Dann drehten wir allerdings auf, schossen unsere Gegner förmlich ab. Uns gelang alles. Es stand 9:0 für uns, als ich auf der Linie klärte, zum Schuss ansetzte und die weiße Kugel unhaltbar ins gegnerische Tor dreschte. Die Gesichter unserer Gegner wurden bleich, Tobsuchtsanfälle packten einen Kollegen. Doch es half nichts. Sie mussten unter dem Kickertisch hindurch krabbeln. Begleitet vom hämischen Applaus der Kollegen.

 

Zwar verlor ich mit meinem Partner den dritten Satz und somit auch das Spiel, doch eines konnte mir keiner nehmen: Die perfekte Einführung am Kicker und somit auch in der Redaktion. Man versicherte mir, dass sei noch keinem gelungen, ich hätte meinen Platz in den Annalen sicher. Der Sieg machte die Runde, in den darauffolgenden Tagen wollte mich jeder zum Krabbeln bringen. Bis zum letzten Tag gelang es mir, es zu vermeiden. In der letzten Woche im Praktikum musste ich dann doch noch dran glauben. So erlebte ich auch den Moment meiner größten Demütigung in der Sportredaktion der WAZ. Immerhin war es ein Mittwoch – und da ist Schnitzeltag. Das tröstete.