Vom 23.04.2019 -- Sandra Roeseler
Déjà-vu auf dem Schreibblock

Meine Finger, in denen ich Kuli und Block halte, sind eisig kalt. Ein kleiner Frühjahrssturm wütet in Osnabrück und bläst mich beinahe davon, als ich mit einer Gruppe Studenten durch die Innenstadt laufe. Die Cafés in der Fußgängerzone sind proppenvoll. Niemand will lange draußen sein bei diesem ekelhaften Aprilwetter. Ein bisschen neidisch schaue ich rüber zu einem Tisch, an dem gerade ein großer Cappuccino serviert wird. Dann ruft Jule uns schon zum Aufbruch. Der Kaffee muss bis später warten – denn wir dürfen in den nächsten zwei Stunden kein Geld ausgeben. So lauten die Regeln beim konsumkritischen Stadtrundgang, den ich heute begleite.

Immerhin: Schauen kostet nichts. Also schlendern wir weiter durch die Fußgängerzone und gucken uns die Schaufenster an, in denen zur Zeit die neusten Frühjahrsmode präsentiert wird. „Was glaubt ihr denn, wie viele Kilometer so eine Jeans zurücklegt, bis sie bei uns im Schrank landet“, fragt Jule, die Studentin, die den Stadtrundgang leitet. Ich schreibe eifrig mit. „Gute Frage“, denke ich. Aber – Moment mal: Genau diese Frage habe ich doch schon mal auf einen Schreibblock gekritzelt. Ziemlich genau vor einem Jahr sogar, als ich für meine Bewerbungsreportage für das ifp einen konsumkritischen Spaziergang in Stuttgart begleitet habe. Bei null Grad und Schneeregen. Ein richtiges Déjà-vu.

Irgendwie habe ich anscheinend ein Talent dafür, als Reporterin bei schlechtem Wetter durch Städte zu spazieren, ohne dafür richtig angezogen zu sein. Wieder einmal habe ich keine Handschuhe an. Mit denen kann man aber nun mal einfach keinen Kuli halten. Schließlich muss ich mir heute wieder Notizen machen. Dieses Mal schreibe ich aber  keine Bewerbungsreportage für das ifp, sondern die Titelgeschichte für ein Magazin meiner Redaktion. Schon witzig, wie sich das alles so entwickelt hat.

Als ich vor einem Jahr nach dem Termin in Stuttgart vor meinem Laptop saß, überkam mich erstmal Panik. „Wie zur Hölle schreibt man eine Reportage?“ Mein erster Versuch ist auch katastrophal in die Hose gegangen. Die Reaktion meiner Mutter (Lehrerin mit Leib und Seele), nachdem sie den Text gelesen hat: „Wie war nochmal die Aufgabenstellung?“ Meine Reaktion darauf: Noch mehr Panik! Also habe ich alles gelöscht und saß wieder vor dem gefürchteten weißen Blatt Papier. Keine 24 Stunden vor Abgabe.

Irgendwann war ich dann so verzweifelt, dass ich gar nicht mehr groß darüber nachgedacht habe, wie man eine Reportage schreibt, sondern einfach nach Gefühl drauf los getippt habe. Aber offensichtlich hat es funktioniert. Heute, nach sechs Monaten in meiner Redaktion und drei Tagen Reportage-Seminar am ifp, kann ich meine zweite Geschichte über einen konsumkritischen Stadtrundgang ganz entspannt angehen. Inzwischen weiß ich, worauf es ankommt und wie ich meine Leser am besten ins Geschehen mitnehmen kann. Nur für das Schreiben bei schlechtem Wetter muss ich noch eine Lösung finden. Vielleicht kommt ja bald eine Einladung zu einem Schreiben-mit-Handschuhen-Spezialseminar.