Vom 04.06.2015 -- Michael Richmann
Stolpern, kämpfen, siegen - Hürdenlauf zum Thementag
SWR Online-Redakteur Michael Richmann freut sich über die Poster zum Klinik-Check Südwest. (Bild: Michael Richmann)

Hätte ich gewusst, was da auf mich zukommt – ich hätte es wohl trotzdem gemacht. Noch immer habe ich die bedeutungsschwangeren Worte meines Chefs im Ohr: "Es gibt da dieses kleine Multimedia-Projekt, da geht es um Krankenhäuser – wäre das etwas für Dich?" Drei Monate und 69,5 Überstunden später hatte ich die Online-Umsetzung des ersten großen datenjournalistischen Projekts des Südwestrundfunks koordiniert und einen Thementag in Hörfunk, Fernsehen und Internet begleitet.

Der Klinik-Check Südwest hatte sich auf die Fahnen geschrieben, sämtliche Krankenhäuser der Grund-und Regelversorgung im kompletten Sendegebiet des SWR – also Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz – miteinander zu vergleichen. Klingt einfach: Die Daten gibt’s im Internet; man muss sie nur heraussuchen.

Soweit die Theorie!

Was heißt schon Qualität?

In der Praxis jedoch heißt beispielsweise eine Knorpel-Transplantation im Kniegelenk "OPS 5-801.bh" – eigentlich logisch, oder? Also mussten wir erstmal Codes lernen und Berechnungsschlüssel interpretieren. Weil Computer überdies doof sind, mussten wir sämtliche Daten überprüfen und bereinigen, damit Stuttgart und Stutgart nicht zu zwei verschiedenen Städten werden.

Und wenn man dies alles geschafft hat, muss man sich klar darüber werden, dass diese Abrechnungsdaten – die einzigen Daten, die routinemäßig erhoben werden – weder die Lebensqualität der Patienten noch die Work-Life-Balance der Klinik-Ärzte beschreiben. Beides Dinge, die für die Qualität eines Krankenhauses sehr wichtig sind. Das haben die Nutzer uns auch als erstes um die Ohren gehauen, denn unfreundliche Krankenschwestern und ständig rumstressende Ärzte kann jeder bewerten, ob aber nun dieser oder jener Operationsstil für mein Knie die schonendere Variante gewesen wäre, bekommen die meisten im Dämmerzustand der Narkose gar nicht so richtig mit.

Bitte nicht verklagen!

Gut, dass ich mit derlei Problemen nur am Rande zu tun hatte; das machten die Nerds aus der Dokumentations-Abteilung. Ich war ja Mr. Online. Mein erster Impuls: Eine interaktive Grafik als Entré und zentrales Steuerelement des Klinik-Checks – eine Startseite im Sin-City-Look. Kaum ausgesprochen, kam die Grätsche vom Web-Design: Grafiken funktionieren nicht auf Smartphones und Tablets. Dann wenigstens animierte Info-Grafiken und eine interaktive Karte – der optionale Such-Schlitz war dann das Zugeständnis an die mobilen Nutzer.

Als das Grafik-Konzept stand, waren die Hintergrund-Artikel an der Reihe. Die Themen waren vorgegeben; recherchieren, konzipieren niederschreiben – im Volo schon tausendmal gemacht. Neu war hingegen, dass ich meine Texte an eine externe Fact-Checkerin weitergeben musste, die jede Zahl, jedes Argument und jeden daraus gezogenen Schluss noch einmal überprüft hat. Neu war auch, dass ich einen Teil meiner Texte nochmal dem hauseigenen Anwalt vorlegen musste. Denn den Kliniken geht es finanziell eher schlecht, , die Hälfte macht Verlust. Nur vier Prozent weniger "Kundschaft" und die meisten Krankenhäuser können zumachen. Entsprechend klagefreudig sind deren Anwälte – also: Obacht!

Es ging jedoch alles gut.

Das haben wir schon immer so gemacht

Das Fundament war gelegt. Nun wollten wir hoch hinaus. Doch schon bald zeigte sich die begrenzte Macht des öffentlich-rechtlichen Online-Redakteurs. Habt Ihr schon einmal versucht von einem Radio-Reporter ein Foto zu bekommen? Nahezu unmöglich – jedenfalls im SWR. Denn wer 30 Jahre Radio-Erfahrung hat, braucht keine Bilder. Und der multimediale Redakteur ist jenseits der 35 rar gesät.Wer Online trotzdem mitdenkt, schießt seine Fotos schon mal aus der Hüfte. Da wird die Datenbank mit den Symbolbildern ganz schnell zum besten Freund des Onliners.

Und die Fernseh-Leute? Das gleiche Spiel. Bilder waren da zwar nicht das Problem, aber kennt Ihr den Chef der Deutschen Herzstiftung? Nein? Das dürfte den meisten so gehen. Allerdings wird der Name im Fernsehen erst live on air eingeblendet. Ergo: Die Clips sind alle "ungetauft", und keiner weiß, wer dort gerade spricht. Doch wer kümmert sich darum, damit wir die Videos online first mitnehmen können? – "Oh sorry, dafür haben wir kein Mandat." Also füllte sich die Video-Spalte erst nach der Ausstrahlung; denn auf die Mediathek sind sie alle wieder scharf – gibt ja 30 Euro extra.

Katastrophen, Tod und Trauer

Kurios auch, dass sich die meisten Redakteure auf die Herzinfarkt- und Schlaganfallthemen stürzten. Das Wunder der Geburt hat sie alle kalt gelassen (Krebs-Therapien jedoch auch…). Dummerweise haben wir den Sendungen die freie Wahl gelassen; daher hatte die Klinik-Check-Seite am Ende einen deutlichen Schwerpunkt: Katastrophen, Tod und Trauer. Und das trotz des eher fröhlichen Grafik-Konzepts.

Doch Hürden sind da, um übersprungen zu werden. Das haben wir bei den meisten geschafft. Andere haben wir gekonnt umkurvt. Und die Arbeit hat sich gelohnt: Am Ende gab es warme Worte von vier Hierarchie-Ebenen und Rucola-Salat mit Erdbeeren – echt supi.

Hier geht's zum Klinik-Check Südwest

War noch was? Ach ja, die "kleine Multimedia-Geschichte", mit der das Projekt seinen Anfang nahm…

Hier geht es zu Teil 2 des Werkstattberichts

 

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