Vom 07.04.2015 -- Lea Albring
Post aus Pankow
Mit dem Sonderzug nach Pankow.

„Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug nach Pankow? / Ich muss mal eben dahin, mal eben nach Ost-Berlin“. Was Udo Lindenberg 1983 besang, wurde Ende März – über 30 Jahre später – Wirklichkeit. Auch für mich. Während meines Praktikums beim Tagesspiegel durfte ich bei der musikalischen Fahrt  – einer Promo-Aktion der Berliner Verkehrsbetriebe und eines Radiosenders – auf der Schiene dabei sein.

Am Bahnsteig angekommen erübrigte sich die lindenbergsche Eingangsfrage aus seinem Song. Fan-Trauben, roter Teppich und rund zwei Dutzend Fotografen drängten sich auf dem Bahnsteig vor dem Olympiastadion und ließen keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass hier gleich der Sonderzug einrollen würde. Und so geschah es dann auch: Der Zug kam, Udo und Entourage stiegen ein, die Fahrt begann, der U-Bahn-Gig startete.

Der Panikrocker rauchte Zigarre, sang vom Mädchen aus Ostberlin und machte schnodderige Ansagen. Zwischendurch immer auch Anspielungen auf sein Lied, das Vorbild für die PR-Aktion: „Wir fahren jetzt nach Pankow, wo früher die linkischen Vögel der SED saßen.“

Lindenberg äußerte 1979 den Wunsch, in der DDR aufzutreten, dies blieb ihm zunächst aber verwehrt. Er schrieb daraufhin den Protestsong „Sonderzug nach Pankow“, unter anderem mit den Zeilen: „Ich weiß genau, ich habe furchtbar viele Freunde in der DDR / und stündlich werden es mehr. / Och, Erich ey, bist Du denn wirklich so ein sturer Schrat? / Warum lässt Du mich nicht singen im Arbeiter- und Bauernstaat?“ Der Auftritt eines West-Rockers war bisweilen in der DDR genauso unmöglich wie Kunst-, Meinungs- und Pressefreiheit.

Nachdem der Zug mit viel Tamtam in den Bahnhof Pankow einfuhr, suche ich mir das nächstgelegene Internetcafé – es war halb acht und der Artikel sollte morgen früh in der Zeitung stehen. Ich haute in die Tasten und verlor keine Zeit. Als ich schließlich mit der abgegriffenen Maus in einer Pankower Seitenstraße auf den Sende-Button klickte, wurde mir plötzlich bewusst, wie selbstverständlich ich das tat.

Noch vor 25 Jahren wäre das nicht möglich gewesen – und das hat nichts damit zu tun, dass das Internet damals noch in seinen Kinderschuhen steckte. Auch Kunst bringt Mauern zum Bröckeln, dachte ich in einem sentimentalen Moment und freute mich.