Vom 05.02.2015 -- Carolin Strohbehn
Ein Tag im Dorf des Vergessens

Die Recherche für einen Artikel verschlug mich nach Weesp, einen Vorort von Amsterdam. Beim Anblick des Tagesablaufs war ich ziemlich enttäuscht. Essen, Präsentation, Fragerunde und Besuch zweier Häuser – so sollte meine vier Stunden-Führung mit Journalisten und Pflegern im weltweit ersten Demenzdorf aussehen, ein Altersheim nur für Demenzkranke. 152 Menschen leben in der Einrichtung, die sich komplett auf die Bedürfnisse der alten Menschen eingestellt hat. Und trotzdem steht das Demenzdorf massiv in der Kritik. Die Vorwürfe: Ghettoisierung, Ausgrenzung und Täuschung der Kranken. Und genau mit dieser Kritik wollte ich mich auseinandersetzen.

Begegnung mit Demenzkranken

Von außen sieht das sogenannte Demenzdorf eigentlich ganz normal aus. Beim Vorbeigehen sehe ich ältere Menschen am Fenster sitzen. Wie auch in anderen Altersheimen. Beim Betreten wird mir der Unterschied schnell bewusst. Ich stehe vor einer Glastür, die nur für mich geöffnet wird. Für den Alzheimer-Kranken, der mir entgegen kommt, bleibt sie verschlossen.

Das Konzept des Dorfes ermöglicht den Bewohnern viel Bewegungsfreiheit und noch eine gewisse Form von selbstbestimmtem Alltag. Dafür sorgen die Außenmauer, die nur in den Innenraum führt, und die Schranke, die manuell für Besucher geöffnet wird. So können die Bewohner selbstständig einkaufen und an verschiedenen Clubs, wie einem Lese- oder Musikclub teilnehmen. Alles im Schutz der Mauer, denn hier kann niemand aufgrund nicht mehr vorhandener Orientierung verloren gehen.

Kaum auf dem Gelände angekommen, kamen einige Bewohner auf uns zu, rüttelten an unseren Armen, um Aufmerksamkeit zu bekommen oder setzten sich zu unserer Besuchergruppe. Sehr viel Nähe, mit der wir so nicht gerechnet haben. Viele laufen wirklich ganz ohne Begleitung über das Gelände und können den für die Krankheit typischen Bewegungsdrang ausleben.

Durch die Anlagen folgte uns plötzlich eine Frau. Sie war sicher, eine der Journalistinnen sei ihre Tochter - umso größer war ihr Entsetzen, als sich das als falsch herausstellte. Ihre Augen wurden ganz groß und füllten sich mit Tränen. Laut schluchzend versuchte sie in Halbsätzen zu erklären, warum sie weinte – wusste es aber selbst nicht. Ihre Hände zitterten. Die Begegnung hat mir gezeigt, wie grausam die Krankheit nicht nur für die Angehörigen, sondern auch für die Betroffenen selbst ist. Bei meiner Recherche habe ich meist nur gelesen, wie schlimm es für die Angehörigen ist, wenn die ältere Generation plötzlich alles vergisst. Wenn sie sie zum Beispiel bei Besuchen nicht mehr erkennen. In diesem Moment war es aber schlimm für die Betroffene, weil sie weder wusste wer sie war, noch wo sie war. Sie suchte Orientierung, fühlte Panik und Traurigkeit zugleich. Als wir sie später im Singkreis sahen, hatte sie uns schon wieder vergessen. Sie saß absolut zufrieden zwischen den anderen Bewohnern und sang die Lieder mit.

Normalität innerhalb der Mauern

Auf dem Rückweg war ich beeindruckt. Das Dorf ist perfekt durchdacht. Aber es machte sich innerlich eine Traurigkeit breit. Ich bin einer Normalität begegnet, die außerhalb ihrer Mauern keine Normalität ist. Die Menschen, denen ich begegnete, lebten in ihrer eigenen Welt – Sie waren total darin versunken, sangen beschwingt vor dem Musikzimmer. Wer sie schunkelnd auf der Straße gesehen hätte, hätte er wahrscheinlich nur den Kopf geschüttelt. Hier ist es normal – und die Menschen sind dabei glücklich.

Es war eine Herausforderung, diese Eindrücke in einem Text kritisch zu verarbeiten. Es bleibt für mich eine Normalität innerhalb der Mauer.