Vom 27.01.2015 -- Samuel Dekempe
„Fragt uns, wir sind die Letzten!“
Zeitzeugin Schwester Johanna Eichmann (Foto: Eggert, Dorstener Zeitung)

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Heute gibt es kaum noch Zeitzeugen. Doch ich hatte die Möglichkeit, mit einer Zeitzeugin zu sprechen: Schwester Johanna Eichmann. Die Nazis bezeichneten sie als „Halbjüdin“. Denn ihr Vater war Katholik, ihre Mutter Jüdin. Deswegen hat sie in ihrer Kindheit den Judenhass in Dritten Reich zu spüren bekommen. Später trat sie in den Orden der Ursulinen ein.

Sie sitzt vor mir. Ich habe mein iPhone auf den Tisch zwischen uns gelegt. Die Aufnahme läuft. Irgendwie habe ich zu viel Respekt vor ihr. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, was sie vor über 70 Jahren erlebt hat. Auch wenn ich im Geschichtsunterricht zugehört habe, auf Anti-Nazi-Demos war und selbst schon Auschwitz besucht habe – ist mir das alles zu abstrakt. Meine Fragen kommen verhalten. Wie soll ich sie fragen, ohne ihr zu nahe zu treten? Wie kann ich ihr auf Augenhöhe begegnen? Kann ich das überhaupt?

Eine andere Ordensschwester bringt belegte Brote rein. Der Kaffee in meiner Tasse dampft. Ich habe keinen Hunger. Kein bisschen. Und schon gar keine Lust auf Filterkaffee mit Kondensmilch. Mein Magen rebelliert.

„Fragt uns, wir sind die Letzten“, sagt sie ganz oft. Aber ich muss sie gar nicht fragen. Denn sie fängt an zu erzählen. Sie redet. Redet. Redet. Und ich nicke. Nicke. Nicke. Ab und zu mal ein zustimmendes „mh“ von mir. Ab und zu bringt sie die Jahreszahlen durcheinander. Kein Wunder – mit 89 Jahren. Ich hänge an ihren Lippen.

Nach eineinhalb Stunden bin ich fertig. Fertig mit dem Interview. Fertig und müde. Aber sie strahlt. Sie freut sich, mich mal wieder zu sehen, sagt sie. Ich mich auch, sage ich. Sie wirkt zufrieden. Glücklich. Angekommen. Ich wirke wahrscheinlich überfordert.

Es braucht noch zwei Wochen bis die Geschichte endgültig steht. Ich habe den Abstand zum Erlebten gebraucht. Konnte die 4.000 Zeichen nicht sofort runterschreiben. Und jetzt weiß ich, wie ich wirke: Auch glücklich. Glücklich, dass ich die Möglichkeit hatte, ein so tiefes Gespräch mit ihr zu führen. „Fragt uns, wir sind die Letzten“? Besser: „Erzählt, ich will Zuhören!“