Vom 13.01.2015 -- Michael Richmann
Zerrissene Gedanken
Schriftzug: Bin ich wirklich Charlie? Ja? Nein? Vielleicht?

Ich bin stumm, obwohl ich schreien möchte.

Ich starre auf den Bildschirm, obwohl ich weinen möchte.

Meine Hand ist reglos, obwohl sie schreiben müsste.

Fragen treiben mich um:

Bin ich Charlie?

Nein, weil ich mich nicht um die Pressefreiheit verdient gemacht habe.

Nein, weil ich beleidigende Karikaturen nicht plötzlich gut finde, weil deren Zeichner ermordet wurden.

Ja, weil Satire das verdammte Recht hat, mich zu beleidigen!

Auf jeden Fall! Weil ich mich als freier Bürger eines freien Europas in meinem Selbstverständnis angegriffen fühle.

Oui! Weil ich mich mit meinen französischen Mitbürgern solidarisieren möchte; ich will ihnen zeigen: Ihr seid nicht allein.

Dringend! Weil ich es nicht ertragen kann, wenn atheistische Zeichner, muslimische Polizisten und jüdische Kunden eines Lebensmittelgeschäfts ermordet wurden.

Darf die Tagesschau Bilder zeigen, auf denen ein Polizist eiskalt ermordet wird?

Ich weiß es nicht. Ich kenne die Einwände: der Ikonografische Wert, den diese Bilder für die Dschihadisten haben und die Angst, die diese Bilder in den Köpfen vieler Menschen erzeugen, der wiederkehrende Schmerz, wenn die Angehörigen ihren Bruder/Mann/Freund jedes Mal wieder aufs Neue sterben sehen müssen. Aber ich will den Menschen in die Augen sehen, die zu so etwas fähig sind. Die mich und meine Werte verachten und jene angreifen, die diese Werte in meinem Namen verteidigen -  Worte können diese Tat nicht angemessen beschreiben.

Die Bilder helfen mir dabei, das Unglaubliche zu begreifen.

Fühle ich mich bedroht?

Nein.

Ich weiß, dass es da draußen Menschen gibt, die mich und meine Werte verachten. Die es nicht ertragen können, dass ich Juden, Christen, Muslimen und Atheisten das Recht zugestehe, auf ihre Art und Weise glücklich zu werden. Die es nicht aushalten können, wenn ich ihre Ansichten kritisiere. Die sich erniedrigt fühlen, wenn ich mit meinem Bleistift über sie lache.

Aber ich weigere mich, mich ihrem Willen zu beugen.

Habe ich Angst?

Verdammt, ja!

Schon jetzt sehe ich all die Heuchler mit ihren einfachen Erklärungen. Die wissen, wer Schuld hat. Die wissen, was jetzt zu tun ist. Ohne die das alles nicht passiert wäre.

Ich will nicht, dass die Welt um mich herum schlechter wird.

Ich will frei sein.

Bin ich ratlos?

Auch das.

Ich will den Muslimen in diesem Land zurufen, dass meine Heimat Eure Heimat ist – ohne „auch“, sondern voll und ganz.

Ich will den Menschen in Dresden zurufen, dass sie nicht #Charlie sind – und #dasVolk schon gar nicht.

Sie sollen wissen, dass sie das Recht haben, ihre Meinung frei zu äußern – und dass ich diese Meinung mit allen demokratischen Mitteln bekämpfen werde.

Ich will schreien.

Doch dann nehme ich meinen Stift und beginne zu schreiben.

 

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