Vom 19.10.2014 -- Christina Weise
Favela, Fußball, Kulturschock
Beleuchteter Fußballplatz mitten in einem Armenviertel

Wir fahren mit dem Auto durch die schmalen Straßen den Berg hoch. Rechts und links stehen Häuser eng nebeneinander. „Wir sind hier in einer richtig gefährlichen Gegend“, sagt meine Kollegin neben mir. Die Favela Morro da Mineira ist zwar „befriedet“, liegt aber zwischen zwei anderen Armenvierteln in Rio de Janeiro, dessen Drogenbanden sich nicht selten bekriegen.

Deswegen stehen dort, wo wir aussteigen, unzählige schwerbewaffnete Polizisten. Zum Schutz für uns und die anderen Journalisten aus aller Welt. Denn hier, mitten in der Favela, findet heute die Präsentation eines weltweit einzigartigen Fußballplatzes (siehe Link) statt. Pate des Projekts ist kein geringerer als Fußballlegende Pelé. Deswegen haben sich rund um den Maschendrahtzaun, der den Platz umgibt, auch schon einige Menschen eingefunden. Trotz der frühen Uhrzeit und der brennenden Sonne.

Zeit für Fotos

Als deutscher Fernsehsender bekommen wir zusammen mit anderen ausländischen und dem größten brasilianischen Sender Globo die Möglichkeit, vor der Pressekonferenz Exklusivinterviews mit den Protagonisten zu führen. Dafür müssen sich alle Kameras in einer Reihe aufstellen, die Interviewpartner wechseln dann nach zwei beantworteten Fragen von einem zum nächsten. Theoretisch. Praktisch dauern die Gespräche länger, die Reihenfolge wird nicht eingehalten und man muss seine Interviewpartner suchen. Der Erfinder des Projekts, der Engländer Laurence Kemball-Cook, schießt nach dem Interview auch noch schnell ein Selfie mit uns für seinen Twitter-Account.

Auch Pelé ist gut gelaunt, nimmt sich Zeit für das Interview und für ein Erinnerungsfoto danach. Da er gerade eine Hüft-Operation hinter sich hat, kann er nicht gut laufen. Während des Interviews sitzt er auf einem Stuhl, aber für das Foto steht er auf und stützt sich so stark bei mir auf, dass ich fast umfalle.

 

Wie im Käfig

Das wäre ein Schnappschuss für die Favela-Bewohner gewesen, die uns von der anderen Seite des Zauns aus beobachten und fotografieren. Immer wieder hört man aus ihren Reihen einzelne „Pelé, Pelé“-Rufe. Es ist ein komisches Gefühl, mitten auf dem Rasen unter freiem Himmel zu stehen und einige Meter von sich entfernt die vielen Menschen am Zaun zu sehen, die ihre Hände entgegen strecken, und dahinter die wahllos übereinander gebauten Häuser, von dessen Dächern und aus dessen Fenstern Menschen auf den Platz herunterblicken. Ich fühle mich eingesperrt. Die räumliche Trennung macht die sozialen Unterschiede noch deutlicher. Das ist nicht einfach für mich. Gleichzeitig bemerke ich, dass viele brasilianische Journalisten den Menschen am Zaun keinen Blick schenken. „Das ist normal für sie“, erklärt mir meine Kollegin.

Als ich gehe, will vor mir ein Mädchen den Platz verlassen. Sie gehört zur Samba-Formation aus der Favela, die zum Abschluss spielte. Ein Sicherheitsmann hält sie zurück, um ihre Tasche zu kontrollieren. Ich halte seinem Kollegen meine Tasche hin, da ich denke, das sei so üblich, doch der schaut mich nur verwirrt an und sagt: „Du doch nicht.“ Beim Hinausgehen sehe ich noch, wie der Sicherheitsmann die Tasche des Mädchens komplett ausräumt, um zu sehen, ob sie nichts hat mitgehen lassen. An die soziale Selektion und den verdeckten Rassismus in Brasilien werde ich mich wohl nie gewöhnen.

 

Was genau dieser einzigartige Fußballplatz ist, seht ihr in diesem an dem Tag entstandenen ZDF-Beitrag:

Kicken für Strom