Vom 15.10.2014 -- Christina Weise
Wahlkampf hautnah

"Marina! Marina!" schallte es von allen Seiten, als Marina Silva am 25. September die CUFA, die Central Única das Favelas, in Rio de Janeiro besuchte. Damals war sie noch Kandidatin im Rennen um die Präsidentschaft und ihr wurden gute Chancen ausgerechnet. Deswegen waren nicht nur viele Jugendliche, die in dem Zentrum täglich ein- und ausgehen, da, sondern auch jede Menge Journalisten. Darunter ich.

Wir warteten fast zwei Stunden. Um uns Journalisten herum wurden in der Zeit mehr und mehr Barrieren aufgestellt. Wir waren richtig eingezäunt. Als sie endlich kam, brachen die provisorisch errichteten Barrieren. Die Fotografen und Kameramänner hoben die Zäune einfach auseinander und stürmten der Politikerin entgegen. Für mich hieß das: ducken und ausweichen. Von gefühlt überall kamen überraschend schnell Kameras an mir vorbeigerauscht. Unser Kameramann rannte mit, gab mir aber das Zeichen dort stehen zu bleiben, wo ich war. An O-Töne war sowieso nicht zu denken. Nach weniger als einer Minute war nichts mehr von Marina Silva und ihrem Team zu sehen. Und alle beschwerten sich, dass sie kein Bild bekamen, weil immer jemand im Weg stand.

Doch so ein Chaos bringt auch Möglichkeiten: uns gelang es, ein Interview mit der begehrten Politikerin zu organisieren. Nur drei Fragen durften wir stellen, aber immerhin in einem kleinen Raum abseits vom Chaos.

Zeit für Selfies

Als ein paar Tage später die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff in der Stadt war, ging alles viel Dilma Rousseff schießt ein Selfie mit einem Mann. Um sie herum Kameras.geordneter zu. Dafür ergaben sich hier keine Interviews und wir mussten in dem für uns vorgesehenen Bereich bleiben - dafür sorgten unzählige Sicherheitskräfte. Die Präsidentin, die hier als Kandidatin auftrat, konnte kaum noch sprechen, so heiser war sie vor lauter Wahlkampf. Aber sie nahm sich Zeit für Selfies. Im Sekundentakt wurde geknipst. Im Hintergrund lief dazu in ohrenbetäubender Lautstärke ihr sehr eingängiger Wahl-Song "Dilma, mutiges Herz". Eine Präsidentin zum Anfassen - aber nur für kurze Zeit, denn dann rauschte sie mit dem Helikopter weiter zum nächsten Termin.

Jubel gegen Geld

Marina Silva war Tage zuvor mit dem Auto in Rio de Janeiro unterwegs. Wir folgten ihr mit rasender Geschwindigkeit. Fast zwei Stunden dauerte die Fahrt von einem zum nächsten Termin.
 Auf einem Platz am Stadtrand prangte ein überdimensional großer Bildschirm, der ihren Kampagnenfilm zeigte, aus den Boxen dröhnte ihr Lied "Wir geben Brasilien nicht auf". Menschen schwenkten Fahnen und jubelten. Kamerascheu war niemand. Auf meine Frage, warum sie die Politikerin unterstütze, antwortete eine Frau in mein orange-schwarzes Mikro: "Ich weiß noch nicht, wen ich wähle. Ich arbeite hier ja nur." Achso: Alle, die Marina-Shirts trugen und mit Fahnen ausgestattet waren, wurden bezahlt oder gehörten zur Partei. Und das war so gut wie jeder auf dem Platz. Die Politikerin sprach zu Menschen, die ihr gegen Geld zujubelten. Das ist so üblich im brasilianischen Wahlkampf. Unglaublich. Was für eine Show!