Vom 24.10.2019 -- Thomas Stoeppler
Von Relotius lernen, heißt siegen lernen

Wenn man möchte kann man Juan Morenos ganz ausgezeichnetes Buch über die Aufdeckung des größten Skandals im deutschen Journalismus und das „System Relotius“ auch als Gebrauchsanweisung lesen. Zum einen weil Moreno plausibel und anschaulich beschreibt, wie man sich als Hochstapler verhalten muss: Also freundlich, verbindlich, zurückhaltend. Und die wilden Geschichten gar nicht in die Storys packen, sondern nebenher bei der Mittagspause erzählen. Also sprich: Die verrückten Details, die man unmöglich schreiben kann, weil sie überhaupt keine Relevanz besitzen, aber die aberwitzige Recherchearbeit veranschaulichen. Also etwa: „Ich habe 18 Stunden bei klirrender Kälte vor der Forschungsstation in Sibirien warten müssen. Es hat keiner aufgemacht und die Hunde meines Schlittens sind abgehauen. Nachher kam raus, die haben einfach eine Riesenparty gefeiert und die Klingel nicht gehört.“

Zum anderen aber etwas anderes, was wirklich fast jede Redaktion haben will: Das Erwartbare schreiben und das ein wenig ausschmücken. Genau das hat Relotious nämlich getan und war damit einer der erfolgreichsten Journalisten überhaupt – okay, das mit dem Ausschmücken hat er wohl etwas übertrieben. Aber trotzdem: Niemand liest gerne Geschichten, die nicht ins eigene Weltbild passen und deshalb verstören. Leser sowieso nicht, davon berichten die meisten Leserbriefe. Die werden nämlich auch nur geschrieben, wenn dem Leser etwas nicht passt. Klar, man bekommt auch mal ein Dankeschön, aber meistens steht etwas da von wegen: „Da habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht“, oder die etwas schärfere Variante „Nehmen Sie Ihre Lügen zurück“. Wie immer geht es eine Nummer härter, aber zu laufenden Verfahren wegen Beleidung oder Drohungen soll man sich ja nicht äußern.

Wer noch viel weniger in seinem Bild von der Welt gestört werden will als der Leser oder Hörer, ist der Redakteur. Der ist eigentlich auch kein schlechterer Mensch als der Leser, denkt aber nicht nur an sein Weltbild, sondern an das seiner Abonnenten. Ob bewusst oder nicht, Artikel in denen drin steht, dass der Nazi als Kind mal von einem Türken verprügelt worden ist und der Vater vom Nazi auch schon ein Nazi war und dass der Nazi deshalb ein Nazi geworden ist werden nicht abgelehnt. Ist die Begründung aber nicht so einfach nachvollziehbar, weil der Nazi einfach ein Nazi ist, weil er ein Arschloch ist, dann gibt es gleich drei Dutzend Nachfragen vom zuständigen Redakteur.

Dazu kommt beim Redakteur, der armen Wurst, dass der ja nicht erst beim Lesen über den Artikel nachdenkt. Nein, das hat er schon vorher gemacht. „Geh da mal hin, schreib ne schöne Geschichte mit viel Atmo“. „Da“ kann jeder mögliche Ort sein, aber „Atmo“ gibt es halt nicht überall. Die Wallfahrt fand halt nicht bei strahlendem Sonnenschein statt, sondern im Schneeregen. Bei der Podiumsdiskussion zum „Synodalen Weg“ war nicht aus dem Nebenraum leise Bob Dylan mit „The Times they are a-changin“ zu hören – Überraschung. 

Aber es würde dem ganzen halt gleich mehr Tiefe geben. Blöd jetzt. Also was macht man da? Man verändert den Sinn ja gar nicht. Die Stimmung von Veränderung war ja trotzdem da, nur halt nicht so anschaulich. Als Reporter kann man sich jetzt echt Mühe geben und versuchen, dass durch eine kluge Dramaturgie und eine sehr genau Beobachtung auffangen. Klappt manchmal, aber eher selten und ist viel Arbeit. Aber wenn man als Reporter kurz auf seinem Smartphone Bob Dylan laufen lässt, dann ist es ja irgendwie auch passiert. Und dann ist der Redakteur glücklich und der Leser auch. Geht natürlich alles nicht und außerdem hindert es den Leser am Ende nicht sein Abo zu kündigen. Weil, warum soll er eine Zeitung lesen, in der nur Sachen stehen, die er schon kennt.

"Come writers and critics, who prophesize with your pen
And keep your eyes wide, the chance won't come again"
And don't speak too soon, for the wheel's still in spin
And there's no tellin' who that it's namin'
For the loser now will be later to win
For the times they are a-changin'"