Vom 24.10.2019 -- Michelle Olion
Verspätung verbindet

Feierabend! Zügig gehe ich über die Domplatte Richtung Hauptbahnhof, höre Musik, bin guter Dinge und freue mich sogar heute ein bisschen auf die Bahnfahrt. Ein Harry Potter-Band wartet in meinem Rucksack darauf, gelesen zu werden und laut App ist die Bahn auf die Minute pünktlich. Am Bahnsteig werde ich sehr schnell eines Besseren belehrt: Verspätung. Die Durchsage meldet, dass es sich nur um eine Verspätung von fünf Minuten handelt. Wenn man pendelt, ist das eigentlich gar keine Verspätung, sondern Normalzustand, also bin ich noch relativ gut gelaunt. Irgendwann kommt die Bahn und nach und nach quetschen sich die Fahrgäste in die Sitze und Gänge. Die Fahrt dauert legendäre zwei Minuten, dann bleibt der Zug auf der Strecke stehen.

Das Licht schaltet sich ab.

Die Anzeigen gehen aus.

Ein Schaffner erklärt uns per Durchsage, dass wir auf unbestimmte Zeit stehen bleiben.

Kollektives Augenrollen. Eine Dame in unserem Sechser-Abteil fragt „Können die denn niemals pünktlich sein?“. Ich lache, genau wie ein paar andere Mitreisende. Und wir kommen ins Gespräch. „Wird immer schlimmer mit der Bahn“, sagt eine Pendlerin, die uns erklärt, dass sie jeden Tag von Bonn-Beuel aus Richtung Köln fährt und ständig mit Verspätungen belohnt wird. Ein älteres Ehepaar schaltet sich ein und erklärt, dass es zu Besuch in Köln war und früher auch dort gewohnt hat. „Aber mit der Zeit ist die Stadt nichts mehr für uns gewesen, jetzt wohnen wir auf dem Land.“ Wir erzählen uns, wo wir so arbeiten, wie man eine Work-Life-Balance als Mutter eines 3-Jährigen meistert und erfahren, wie Köln vor 40 Jahren ausgesehen hat. Es wird gelacht, gequatscht und nachgefragt.

Die Bahn fährt irgendwann weiter. Zwischen Troisdorf und Menden stellt die Pendlerin fest, dass ihr Schwiegervater damals neben dem älteren Ehepaar gewohnt hat. „Nein, was für ein Zufall! Direkt auf der Ecke, neben der alten Bäckerei, die ja mittlerweile zuist.“ Und dann sind wir da, alle steigen aus und der Schaffner bedankt sich mit einer automatischen Ansage dafür, dass wir mit der Bahn gefahren sind.

Zugegeben: Wenn Marty McFly mir angeboten hätte, mich mit seinem nicht TÜV-geprüften und blitzbetriebenen DeLorean nach Hause mitzunehmen, hätte ich nicht nein gesagt, aber gut.

Aber im Nachhinein war es doch eine nette Fahrt mit netten Leuten. Und die sitzen jeden Tag in der Bahn. Manchmal braucht es nur eine Signalstörung zwischen Köln/BonnFlughafen und Bonn-Beuel, damit Menschen sich wieder unterhalten.