Vom 28.09.2019 -- André Wielebski
Bis nach Santiago und zurück

Das war’s. Das Flugzeug landete auf dem Hamburger Flughafen. Damit endete meine letzte Reise unter dem ifp-Banner. Was waren das für zwei aufregende Jahre? Aber erstmal zum Anfang: Für mein Volontariat bei Adveniat in Essen, einem Hilfswerk für Lateinamerika, ging es vor zwei Jahren erstmal für drei Wochen nach Barcelona zum Sprachkurs. Schließlich sollte ich zumindest die Quellen auf Spanisch lesen können. Zwei Jahre später fand nun das große Finale in Santiago de Chile statt. Vier Wochen arbeitete ich in der Redaktion der deutsch-chilenischen Wochenzeitung Condór*.

Auf Achse

Ich hatte vor dem ifp ein recht gemütliches Leben. Das Ruhrgebiet ist gefühlt nun mal eine große Stadt und in diesem großen Gemenge lagen Freunde, Familie, Arbeitsplatz und Universität recht nah zusammen. Hier und da mal eine private Reise nach England oder Italien. Alles recht entspannt. Während meiner ifp-Zeit sollte ich reichlich Gelegenheit bekommen, Züge und Flugzeuge näher kennenzulernen: die sechsstündigen Fahrten zu den Kursen in München, die wunderbare Reise nach Rom… aber es hat sich immer gelohnt.  Wir wissen ja alle: Die Kurse des ifps sind super und viele Menschen, die man dort kennenlernt, werden einen das ganze Leben begleiten. Eine Sache, die viele übersehen: Als Volontär beim ifp erlebt man auch abseits des Schreibtisches verdammt viel. So endete meine ifp-Karriere am Flughafen in Santiago de Chile, mit einem letzten Blick auf die umliegenden Berge.

Santiago: Liebe auf den zweiten Blick

Ich habe zwei Jahre lang tagein tagaus über Lateinamerika berichtet. Nun war es also soweit – ich stand mitten in der Hauptstadt Chiles, mein erster Trip außerhalb Europas. Und es war grau. Es war kalt und um mich herum sah es nicht besonders einladend aus. Ich müsste lügen, wenn ich sage, dass Santiago eine Liebe auf den ersten Blick gewesen sei. Die YouTube Videos sahen aber anders aus, verdammt nochmal! Vier Wochen später stand ich wieder an der gleichen Stelle. Die Sonne schien und der Kirchturm ragte über die Häuser – hach, was bist du herzlich, Santiago. So schnell kann sich die Perspektive ändern. Die Stadt hatte sich nicht verändert, mein Horizont schon.

Ich war vier Wochen bei der chilenischen-deutschen Wochenzeitung Condór im Praktikum. Und es ging am ersten Tag sofort los: Termin in der Deutschen Schule in Santiago. Der Journalist Volker Mehnert stellte sein Buch über Alexander Humboldt in der Schule vor. Ein typischer Termin für eine Lokalzeitung, herrlich. Nur eben dieses Mal nicht in Herne, sondern in Santiago. Die Redakteure des Condórs ließen mir viele Freiräume bei meiner Arbeit. Ich war gefühlt ein vollständiges Redaktionsmitglied für diese vier Wochen, was ein großes Lob an die Damen und Herren der Redaktion sein soll. Ich verfasste Berichte über Politik und Religion, schrieb Porträts und half bei der Kinderausgabe mit.

 

 

Glück und Trauer

Was den Trip besonders machte, neben dem Ort, war meine Gastfamilie. Ich konnte tief eintauchen in das Leben der Chilenen, nahm an Familientreffen und am Leben in der Gemeinde teil. Die Kirche stand im Bezirk „Villa Francia“, ein Armenviertel, mit Drogenkriminalität und allnächtlichen Morden. Mittendrin steht ein kleines Haus, in dem der Priester Mariano Puga wohnt. Er stammt aus einer sehr reichen Familie, entschied sich aber vor Ort für seine Gemeinde da zu sein. Während der Zeit der Pinochet-Diktatur (1973-1990) kämpfte er für die Menschenrechte. Was ein wahnsinnig interessanter Mensch! Der 11. September ist ein besonderer Tag in Chile. An diesem Tag 1973 begannen der Militärputsch und die Diktatur Pinochets. Die Menschen gedenken jedes Jahr den Opfern der Militärdiktatur. Meine Gastmutter, die Gemeinde und ich besuchten ein Konzert zu Ehren der Opfer. Viele Menschen weinten, auch mein Gastvater war für drei Monate dort eingesperrt. Ein beeindruckender Moment, als die Namen der Opfer vorgelesen wurden. Andere Erinnerungen, mit schönerem Hintergrund, waren der Trip in die Hafenstadt Valparaiso, die vielen neuen Bekanntschaften und die Erkundungstouren durch Santiago.

Time to say goodbye

Und so war Santiago nur die Spitze des Eisberges meiner ifp-Reiseerlebnisse. Die unzähligen wunderschönen Tage in München mit der V17-Truppe, die mehrwöchigen Praktika in Berlin und Mainz, die Jahrestreffen in Rom und Potsdam (von den Potsdamer Betten träume ich noch heute) und die lauen Sommertage in Barcelona. Ich habe durch das ifp mehr von der Welt gesehen, habe – so klischeehaft es auch klingen mag – meinen Horizont erweitert und habe Erfahrungen gemacht, die ich mein Leben lang wertschätzen werde. Das war’s nun, die ungewisse Zukunft wartet und mein längster Trip wird bis nach Paderborn gehen, Rückfahrt per Anhalter. Aber diese zwei Jahre kann mir niemand mehr nehmen.  

* Der Förderverein des ifps unterstützte mich bei der Reise finanziell. An dieser Stelle vielen herzlichen Dank!