Vom 14.05.2019 -- C Scheidel
Einfach mal machen - Zu Besuch auf der re:publica

Zukunftsfähiger Journalismus muss dort stattfinden, wo sich die potenziellen Nutzer*innen aufhalten – und das mittlerweile auf mehreren Kanälen in unterschiedlichen Formaten. Aus diesem Grund versuchen große Medienhäuser mit ihrem Content auf diversen Plattformen präsent zu sein. Die Nutzerzahlen sprechen für sich: Instagram hat eine Milliarde monatliche Nutzer*innen (Stand Juni 2018), davon sind täglich 500 Millionen auf Instagram aktiv und nutzen die Plattform. Auch die Snapchat-Statistiken zeigen: rund 150 Millionen Nutzer*innen sind täglich auf dem Instant-Messaging-Dienst unterwegs. Instagram und Snapchat liegen vor allem bei den jüngeren Generationen im Trend und sind besonders häufig auf dem Programmplan der diesjährigen re:publica in Berlin zu finden, wo ich mich umgehört habe.

Spiegel Online setzt bereits seit 2017 auf einen professionellen Snapchat-Auftritt. Insgesamt konzentrieren sich im Redaktionsteam sieben Personen auf den Social-Media-Auftritt, bestehend aus Motion Designer*innen und Redakteur*innen. Vor welchen Herausforderungen die Redaktion dabei täglich steht, erzählt Angela Gruber, Projektleiterin des Teams, im Vortrag „Hauptsache hochkant? Journalismus und Storytelling auf Snapchat & Co.“. Wie viele Zeitungen und Magazine, die auf die zunehmende „Vielkanaligkeit“ setzen, galt es zu Beginn ihrer Arbeit zu hinterfragen: Wer sind meine Nutzer? Welche Probleme kann ich mit meinem Angebot lösen? Nicht erstaunlich: Die durchschnittliche Spiegel-Leserschaft ist männlich und im Rentenalter. Durch Snapchat erreicht das Spon-Team ungewohnt junge Leser*innen: 40 Prozent sind zwischen 13 und 17 Jahre alt, 50 Prozent zwischen 18 und 24 Jahren. Snapchat – ein mobiles Labor für Spiegel Online. Das Redaktionsteam setzt auf Storyformate mit bildstarken Geschichten und starken Protagonisten. Doch ein typischer Spiegel-Text im Snapchat-Format? Den genannten Zahlen zufolge scheint das zu funktionieren und ernsthafte Themen können so einer jungen, überwiegend weiblichen Zielgruppe nähergebracht werden, sagt Gruber.

Auch wenn nicht alle Redaktionen genügend Personalstellen für ein Snapchat-Labor einrichten können, zeigt das Projekt, dass es sich lohnt, neue Dinge auszuprobieren. Ausprobieren, so lautet auch das Motto der öffentlich-rechtlichen Sender im Vortrag zu „Europas Medienplattform“. Eine gemeinsame Streamingplattform? Mit „Germanys gold“ wurde zumindest in der Vergangenheit versucht, diese Idee umzusetzen. Daniel Knapp, Co-Founder von Data Science for Advertising und Media Start-up, nennt sechs erfolgskritische Themen, die betrachtet werden müssen, damit solch eine Kollaboration zukünftig auf europäischer Ebene ausgeführt werden kann: Contentrechte, linguistische Vielfalt, Regulierung und Auftrag, Technik, Technische Eintrittsbarrieren & Kontinuität der Innovation. Auf der Bühne glaubt niemand so richtig daran, dass es eine eigenständige App geben kann, die sich neben anderen nationalen Anbietern etabliert. Vor allem wenn es um einen Auftritt der öffentlich-rechtlichen Sender neben dem der kommerziellen Anbietern geht. Unter anderem zeigt auch die Debatte um einen Empfehlungsalgorithmus den Interessenkonflikt auf beiden Seiten. Doch ein Versuch soll gewagt werden – und das nicht erst 2025. Zumindest eine gemeinsame Netzstruktur soll aufgebaut und die Medienpolitik stärker miteinbezogen werden.

„Einfach mal machen“, so hätte auch der Titel des Vortrags „Manifest für einen Journalismus der Dinge“ lauten können. Denn dort erzählen Jakob Vicari, Hendrik Lehmann und Helena Wittlich vom Tagesspiegel, wie neue Technologien für investigativen Journalismus genutzt werden können. In der Vergangenheit gab es zum Beispiel das „Mapping-Ding“, das sich knapp erklären lässt: Journalist*innen fanden heraus, dass über Fitness-Tracker die Eingänge von Sicherheitseinrichtungen lokalisiert werden konnten. Oder auch das „Sprengstoff-Ding“. Sobald mit Hilfe von Sprengstoff Fische gefischt werden sollten, alarmierten Sensoren Drohen, die Fotos erstellten. Auch hier wurden so einige Ideen umgesetzt.

Wenn es um „Sprachassistenten- und Podcast-Boom: Audio-Vielfalt oder ,Winner takes all?‘“ geht, wird bereits beim Bühnenauftritt etwas Neues ausprobiert. Alexa bekommt einen eigenen Sessel in der Gesprächsrunde und die Moderatorin begrüßt sie persönlich, so wie alle anderen Teilnehmer. Sie nimmt den Platz eines Smart-Speaker-Herstellers ein, die aus zeitlichen Gründen nicht teilnehmen wollten. Wer gewinnt denn nun, die Anbieter von Audio-Inhalten oder die Anbieter der smart speaker und ihrer Algorithmen? Eine Antwort lässt sich nicht so leicht finden. Es zeigt sich aber, auf der Anbieter-Ebene werden neue Formate entwickelt. Unter anderem berichtet Christian Schalt, Chief Digital Content Officer bei der RTL Radio Deutschland GmbH, von der RTL-Morgenshow „Arno und die Morgencrew“ und der Möglichkeit, diese in drei Varianten mit unterschiedlichen Musikstilen zu hören. Ein Projekt auf Probe, um sich dem Geschmack des Rezipienten anzupassen.

Es gibt keine Allzwecklösung, wie die vielen digitalen Kanäle von Anbietern bedient werden können. Doch was sich anhand der Diskussionen zeigt: Seriöser Journalismus kann in einer digitalen Welt nur fortbestehen, wenn Dinge ausprobiert werden. Die Phase der Analysen und Theorien sollte überwunden und der Mut aufgebracht werden, neueste Technologien für die eigenen Ziele und Bedürfnisse der Rezipienten einzusetzen.