Vom 02.04.2019 -- Sophie Kratzer
Die Nordostindien-Mission

Kennst du Nordostindien? – Klar, sage ich, denn von Kalkutta habe ich natürlich schon gehört. Doch jenseits von Bangladesch, an der Grenze zu China und Myanmar, gibt es ein Indien, das noch nordöstlicher liegt. Die indischen Bundesstaaten Arunachal Pradesh, Assam, Manipur, Meghalaya, Mizoram, Nagaland und Tripura werden auch die „sieben Schwesternstaaten“ genannt. Weil sie nur über einen schmalen Korridor mit Zentralindien verbunden sind, haben sie sich anders entwickelt und unterscheiden sich deshalb in vielfältiger Weise vom Mutterland.

Nordostindien ist Beispielland für den Monat der Weltmission im kommenden Oktober. Dann besuchen sechs Gäste von dort die bayerischen Diözesen sowie Speyer und erzählen von den Herausforderungen in ihrem Alltag. Eingeladen werden die Gäste von missio München, wo ich seit einem halben Jahr mein Volontariat mache. Da dachte sich meine Redaktion, wieso also nicht die neue Volontärin zu den Gästen nach Nordostindien schicken um sie vor Ort zu begleiten? Was für ein Geschenk!

Im Januar 2019 habe ich also die Koffer gepackt und bin gemeinsam mit einem Fotografen zwölf Tage lang durch eine Region gereist, in die sich in der Regel kaum Auswärtige verirren. Gleichwohl begannen die Vorbereitungen dafür schon zwei Monate vorher: Kontakt mit den Gästen aufnehmen, Themen finden, Routen planen, verwerfen und neu ausrichten, Flüge buchen, zum Tropenarzt gehen, impfen lassen. Eigentlich fast wie für eine Backpacking-Tour, nur dass das Rahmenprogramm vorgegeben war und die Aufgabe lautete: Sei ständig auf der Suche nach guten Geschichten.

Beeindruckend war zum Beispiel mein Besuch bei einer Frauenselbsthilfegruppe in einem kleinen Dorf im Bundesstaat Tripura. Die Frauen haben anfangs Wirtschaftsunterricht bei einer sozialen Organisation genommen und dort gelernt, wie man Businesspläne schreibt. Dann haben sie sich jeweils spezialisiert und ihre eigenen kleinen Unternehmen gegründet: Eine züchtet Schweine, eine andere webt traditionelle Kleidung, eine weitere stellt Kautschuk aus Gummibäumen her. In ihrer Selbsthilfegruppe haben sie Geld gesammelt, mit dem sie sich gegenseitig Kredite gewähren können. Und sie beraten sich untereinander. Mittlerweile sind die Frauen so erfolgreich, dass aus dem Argwohn der Ehemänner gegen die ungewohnte Selbständigkeit ihrer Frauen purer Stolz geworden ist.

Schon allein die Autofahrten in die hintersten Winkel Nordostindiens wären eine Geschichte wert. Zu jeder Uhrzeit ist das Hupen von Autos auf den Straßen zu hören. Denn die Fahrer kündigen damit ihr Überholmanöver an. Ganz Ungeduldige fahren einfach bis unmittelbar vor dem drohenden Zusammenstoß auf der Gegenfahrbahn.  Übrigens auch vor nicht einsehbaren Kurven, was das Adrenalin der Mitfahrer hochhält und einen sogenannten „Saumagen“, einen über alle Erschütterungen erhabenen Verdauungstrakt, erfordert.

Dafür ist das Leben der Menschen in Nordostindien von Entschleunigung geprägt. Gerade in den entlegenen Bergdörfern, in denen einheimische „Stämme“ leben, die sich selbst als „Tribes“ bezeichnen. Die „Tribals“ folgen keinem geregelten Arbeitstag, sie arbeiten, wenn sie es für erforderlich halten. Dafür sind sie äußert aufgeschlossen, flexibel und hilfsbereit. Das Leben jener Dorfbewohner ist karg und entbehrungsreich. Vielköpfige Familien wohnen zusammengepfercht in Hütten, die nur aus einem Raum bestehen. Im Winter kann es in den Bergregionen sehr kalt werden, die Temperaturen sinken sogar bis auf niedrige einstellige Bereiche. Dieser Kälte müssen sie ohne fremde Wärmequelle trotzen. Die „Tribals“ leben überwiegend von der Landwirtschaft, von der Korbflechterei oder von Gelegenheitsjobs im Straßenbau. In manchen Gegenden bauen vor allem Kinder Kohle in Schächten ab, die jederzeit über deren Köpfen einstürzen könnten. Das ist hochgefährlich, für viele Familien aber die einzige Perspektive, um Geld zu verdienen. Dementsprechend gering wird vielerorts der Wert von Bildung angesehen. Und obwohl der ungesicherte Abbau von Kohle seit 2014 offiziell verboten ist, machen die meisten einfach weiter. Eine Aktivistin, die Politikern vorwarf, in die Kohlemafia verstrickt zu sein, wurde halbtot geschlagen.

Die Politik versucht auch in dieser entlegenen Region, Einfluss zu nehmen. An jeder verfügbaren Fläche hängen Plakate von Narendra Modi. Der Premierminister von Indien lächelt von Wellblechwänden, Straßenlaternen und Bambusgerüsten. Bei den letzten Wahlen hat seine Partei, die rechtskonservative, hindu-nationalistische BJP, erstmals relativ erfolgreich in den nordostindischen Bundesstaaten abgeschnitten. Doch der Hindu-Nationalismus ist dort nicht so leicht durchzusetzen. Die Einheimischen leben nach ihren Traditionen und kämpfen auch dafür. Immer wieder gibt es Unruhen und gewaltvolle Tumulte, vor allem wegen der Einbürgerung von Migranten aus dem benachbarten Bangladesch. Die „Tribals“, die lange nach dem Verständnis lebten, alles Land sei für alle da, fühlen sich benachteiligt.

Der größte Stamm im Bundesstaat Meghalaya ist die Gemeinschaft der Khasi. Sie lebt hauptsächlich in den Khasi Hills. Ihre Tradition ist geprägt von einem starken Clan-Denken, bei dem die Mütter eine zentrale Rolle in der Familie einnehmen. Ihre ganze Gesellschaft ist matrilinear ausgerichtet. Die Besonderheit: das Familienerbe geht von der Mutter auf die jüngste Tochter über, die wiederum für die Eltern im Alter sorgt. Die älteren Töchter gründen einen neuen Haushalt. Männer heiraten in die Familien ihrer Frauen ein. Die Khasi aus den entlegenen Bergdörfern stehen gerade vor den Herausforderungen der Moderne. Wenn sie in die Städte ziehen, erleben sie den westlichen Lebensstil, die Aussicht auf mehr Geld, das Internet, Bildung und vielleicht ein Stück Freiheit. Dass sie über die kargen Lebensverhältnisse hinaus ihre Stammeskultur, ihre Gebräuche, das Verständnis von Gemeinwohl und auch ihre Tradition in den Bergen aufgeben, ist wohl den wenigsten bewusst.

Voller Demut bin ich nach Hause zurückgekehrt. Die warme Dusche war ein Privileg, die Heizung neben dem Bett ein Luxus. Aber die Zeit ohne Handynetz und Internet hat mir viel Raum zum Nachdenken gegeben und das Gefühl der Geborgenheit innerhalb der Familien war nachhaltig beeindruckend. Deshalb habe ich erst einmal meine Familie eingeladen, ein paar Fotos gezeigt und das Handy im Flugmodus gelassen.