Vom 01.04.2019 -- Joanna Figgen
Die Glamour Shopping-Week und Hamburgs Untergang

26. März, 16:41 Uhr:

Dass ich viele Anziehsachen habe, wusste ich. Jedoch war ich mir nie so richtig über das Ausmaß bewusst - bis zu meinem Umzug innerhalb Hamburgs, der Stadt in der ich mein Volo mache. Neben dem vollen Kleiderschrank hängt nun eine zusätzliche Garderobenstange, die ächzt, und vor dieser stehen zwei Kisten - bis oben voll - für die ich noch ein Platz finden muss.

 

26. März, 21.19 Uhr:

Nach dem Umzug war es einer der ersten Abende, die ich in der neuen Wohnung erlebt habe: Endlich wieder Fernsehen. Da alles im Fernsehen jedoch „fremdschämen“ schrie, blieb ich bei „Hart aber fair“ hängen. Interessantes Thema: „Fridays for Future“, also irgendwie auch Klimawandel. Der Sammelbegriff unter welchem diverse Debatten zusammenzufassen sind: Diesel-Affäre, Kohleausstieg, EU-Plastikverbot, Pariser Klimaabkommen, Elektromobilität. Einige plädieren sogar für das Verbot von Inlandsflügen.

Und Konsum. Eine Kiwi aus Neuseeland, eine Avocado aus Peru, ein Smartphone aus Asien oder doch Amerika, einen Pullover aus Bangladesch und die Banane aus Deutschland. Halt! Banane aus Deutschland? Was für ein Quatsch, aus Indien natürlich, dem größten Bananenproduzenten laut Wikipedia. Manchmal vergesse ich das schon.

 

26. März, 21.23 Uhr:

Ich sitze vor dem Fernseher und sage laut: „Der Einzelne kann hier doch nichts bewirken. Selbst wenn ich keine Bananen mehr esse, drei Bananen also weniger pro Woche nach Deutschland gebracht werden, wird Hamburg irgendwann aufgrund des steigenden Meeresspiegels untergehen. Es braucht eine strukturelle Veränderung! Die Politik muss jetzt den Rahmen setzen. Verbote, Investitionen. Einfach mal die Einhaltung der ratifizierten Grenzwerte!“

Dass uns das was kosten wird, ist klar. Verbesserung kostet Geld. Wenn ich wüsste, dass 20 Euro meines Bruttos direkt querfinanziert werden in Forschung und Innovation, um irgendwann Strom speichern zu können. Gerne! Doch zum einen befürchte ich, dass die Umweltsteuer später einfach für anderes benutzt wird und zum anderen zeigt sich überhaupt keine Mehrheit dafür.

 

26. März, 21.47 Uhr:

Ich schalte den Fernseher aus. Meine Meinung ist klar: Die Welt wird untergehen.

 

27. März, 08.22 Uhr:

Nächster Morgen. Ich stehe neben meiner Mitbewohnerin im Bad und spreche sie auf die Glamour Shopping-Week an, die in einer Wochen wieder stattfindet. Vom 6. April bis 14. April haben alle, die sich zuvor die Glamour Shopping-Card gekauft haben, die Möglichkeit in wirklich vielen Läden deutlich günstiger einkaufen zu gehen. Ich erzähle meiner Mitbewohnerin also, dass ich vor habe mir die Karte zu kaufen und wir ja dann gemeinsam losziehen können. Ihr Kommentar: „Die Diskussion gestern im Fernsehen schon vergessen?“

Tatsache! Das habe ich. Ich fühle mich ertappt. Schlaue Argumentation? Fehlanzeige. Denn sie hat ja Recht. Oder? Auch nach ihrem wirklich berechtigten Einspruch bin ich zwar immer noch der Meinung, dass der Einzelne nichts gegen die Erderwärmung tun kann. Doch damit meine ich keinesfalls, dass jeder sich jetzt benehmen dürfe wie eine „offene Hose“ – also sich schlecht benehmen dürfe. Schon als Kind habe ich gelernt, dass man den Wasserhahn während des Einschäumens schließt, dass man kein Fenster bei laufender Heizung öffnet, generell, dass man sich lieber mal ’nen Pulli anzieht als im Winter auf zwanzig Grad zu heizen. Es wurde mir die Mülltrennung beigebracht und auch, dass ein laufender Wagen bei einem geschlossenen Bahnübergang ausgemacht wird. Normale Verhaltensweisen über die ich niemals nachdenken würde.

Doch warum ist es denn dann nicht normal für mich, dass ich bei einem vollen Kleiderschrank keine Klamotten mehr brauche? Die dann auch noch mit hoher Wahrscheinlichkeit einmal um die halbe Welt geflogen sind? Der Gedanke, dass ich am Abend für drastische Veränderungen war und am nächsten Morgen an neue Klamotten denke, schockiert mich. Allerdings überlege ich auch, was das nun bedeutet? Hat nicht jeder ein Laster? Darf ich mir jetzt keine neuen Klamotten kaufen oder muss ich auf Fair-Trade Klamotten umsteigen?

 

27. März, 17.59 Uhr:

Der gedankliche Prozess zu dem Thema „Konsum“ hat immer noch kein Ende gefunden. Allerdings hat er schon Mal eine Sache bewirkt: Sieben Teile aus meinem Kleiderschrank habe ich mittlerweile ins Internet gestellt. Denn bei einer Sache zumindest bin ich sicher: Gegen den Kauf von Second Hand Kleidung ist nichts einzuwenden.