Vom 27.02.2019 -- Martin Bornemeier
Was für ein Journalist will ich sein?
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Es ist nicht lange her, da hatte ich meine ersten Tage in der Social Media Abteilung meiner Ausbildungsredaktion. Für mich war schnell klar: Social Media ist nichts für mich! Facebook, Instagram, Twitter. Es sträubte sich einfach alles in mir und ich verstand nichts von dem, was wir da taten. Am unbegreiflichsten waren für mich die Kommentare. Sie mussten alle gelesen, einige beantwortet und in vielen Fällen von der Seite genommen werden. Diverse Schreibstile, verbale Entgleisungen oder Ironie, die niemand versteht. Das zu lesen machte mich fertig. Es machte mich regelrecht wütend!

Dann endlich in München. Der erste Grundkurs der Volontäre 2018 im ifp. Interview und Nachricht stehen zu Beginn auf dem Programm. Der zweite Tag der ersten Woche geht zu Ende. Die 21 angehenden Journalist*innen sind müde vom Nachrichtenschreiben. Konzentration und Aufnahmefähigkeit für diesen Tag sind aufgebraucht.

Dann betritt ein Mann mit schwarzem Rollkragenpullover den Raum und nimmt vorne Platz. Die Seminarleitung hat zum Abendgespräch den Journalisten Richard Gutjahr eingeladen. Einige Volos haben sich mit einem Video von seinem Auftritt bei der re:publica 2018 vorbereitet. Andere kannten ihn und seine Geschichte weniger.

Er begann zu erzählen. Ohne ein konkretes Konzept. Das brauchte er auch nicht. Sehr schnell zog er mich in seinen Bann. Eine positive Spannung lag im Raum und meine Aufmerksamkeit war plötzlich wieder voll da, obwohl der Tag sehr lang war. Richard Gutjahr arbeitet als Journalist u.a. für die ARD, diverse Zeitungen und ist im Netz als Blogger aktiv. Seine Geschichte: Er stolperte eher zufällig in mehrere tragische Geschichten hinein und berichtete davon. Die Netzgemeinde strickte daraus eine Verschwörungstheorie. Über ihn wurden Unwahrheiten verbreitet, Hass und Anfeindungen schlugen ihm entgegen. Er erzählte davon mit ruhiger und gelassener Stimme.

Ich sah mich zunächst bestätigt. Das Netz bringt die Menschheit nicht weiter, es ist schlecht! Doch dann sagte er, dass er das Internet als einen Gewinn für die Menschheit sehe. Der Vorteil sei, dass sich Menschen auf Augenhöhe begegnen können. Egal welchen Titel man habe oder welche Qualifikationen man vorweisen könne. Im Netz begegnen sich alle Menschen. Das hatte ich so noch nicht bedacht, fand es aber durchaus nachvollziehbar. Der schlechte Eindruck, den ich von Social Media hatte, blieb bei mir allerdings bestehen. Ich wollte nicht wieder zurück zu den Kommentaren, sie nicht weiterlesen.

Gutjahr erklärte dann, wie er das Internet und die Demokratie im Zusammenhang sieht. Für ihn habe ein „Like“ mehr Gewicht als alle vier Jahre ein Kreuz zu machen. Demokratie werde sich dementsprechend verändern. Es war in diesem Moment für mich nicht einfach, das zu bekräftigten, was er sagte, obwohl ich verstand, was er meinte. Der Hass und die Hetze unter einem Video bei Youtube bspw. seien echt.

Ich fühlte mich eiskalt erwischt: Ich hatte bei meinem Social Media-Dienst selbst Wut gespürt und wollte ihr aus dem Weg gehen. Ich wollte wegschauen. Es ging nicht um Geschichte oder um irgendwelche Vorzeichen, die zu deuten waren. Es ging ums Wegschauen. Ich habe weggeschaut, weil ich das, was mich wütend machte, nicht wahrhaben wollte.

Ich werde zum Journalisten ausgebildet. Wo will ich später hin? Was will ich machen? Was für ein Journalist will ich werden? Die Antwort darf für mich nicht pauschal bedeuten, dieses und jenes nicht. Ich darf mir nicht die bequemste Ecke aussuchen, meine Nische, in der ich mich wohl fühle. Ich darf schon meinen Vorlieben nachgehen und entscheiden, wo sind meine Stärken, wo kann ich sie einsetzen. Aber ich darf nicht wegschauen.

Das, was im Netz oftmals passiere, sei mit einer Spirale vergleichbar. Eine böse Unterstellung kann zunächst harmlos daherkommen. Damit der Nächste aber auch dieselbe Aufmerksamkeit bekommt, muss er schon etwas stärkeres „posten“. So schaukelt sich der Hass auf. In vielen Kommentaren lasse sich eine Art Analphabetismus erkennen. Den Menschen sei nicht bewusst, dass Worte töten könnten, erklärte Gutjahr. Es fehle an Empathiefähigkeit. Diese müsse aus der analogen Welt in die digitale übertragen werden. Die Situation, die das Internet verursache, sei vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks, die ebenfalls Spaltung zur Folge hatte. Die Menschheit sei noch nicht so weit zu verstehen, was das Internet bedeute und wie es funktioniere. Eine digitale Empathie würde dabei helfen.

Über Richard Gutjahr mögen einige vielleicht denken, er sehe eine schwarze Zukunft voraus, was er vermutlich auch nicht verneinen würde. Gleichzeitig sieht er sie aber nicht als aussichtslos. Bei der Frage danach, was für ein Journalist ich sein will, hat mir die Begegnung mit ihm an diesem Seminarabend sehr weitergeholfen. Der Abend hat mir auch nochmal gezeigt, was für eine Möglichkeit es für mich persönlich ist, an einer katholischen Journalistenschule ausgebildet zu werden. Ich will die Realität nicht schöner malen, als sie ist, nur um Ängsten aus dem Weg zu gehen. Die Ängste ernst zu nehmen ermöglicht es mir, an dem Bild von Realität mitzuschreiben.