Vom 23.01.2019 -- Thomas Stoeppler
Direkt vom Tresen in die Redaktion

Vor zwei Monaten noch habe ich fast jeden Tag ausgeschlafen. Und wenn ich mal wegen irgendetwas früh aufgewacht bin, habe ich mich einfach nochmal umgedreht. Selten länger als bis 11 Uhr, aber immerhin. Ich habe mir fast nie einen Wecker gestellt, jetzt sind auf meinem Handy vier Alarme gesetzt.

Nicht, dass ich vorher nicht gearbeitet hätte, aber der Mann hinterm Tresen, der ich war, fängt halt erst an, wenn sich alle anderen so langsam in ihren Feierabend verabschieden. Die schöne Tradition von hartem Alkohol in der Mittagspause scheint ja weitestgehend ausgestorben zu sein – zumindest erntet man entsetzte Blicke. Jetzt ist mein ganzer Tag komplett auf den Kopf gestellt. Vorher machte habe ich am Vormittag ich den Haushalt gemacht, traf Freunde zum Kaffee oder Mittagessen und nach Feierabend ging es direkt ins Bett. Auch Filme schaute ich häufiger beim morgendlichen Espresso im Bett als mit Chips und Bier auf dem Sofa.

Jetzt stehe ich jeden Morgen spätestens um 7 Uhr unter der Dusche und in meinen Ohren läutet immer noch der Wecker. Ein schreckliches Geräusch. Leider kann ich auch nicht mehr wie vor zwei Monaten laut unter der Dusche Musik hören (und ganz fürchterlich mitsingen). Denn zum einen könnten mich die Nachbarn hören und zum anderen schläft meine Frau meist noch. Ob sie noch schläft, entscheidet unsere neue Mitbewohnerin, die pünktlich zum Volo-Start bei uns eingezogen ist. Sie schläft zwar über den gesamten Tag recht viel, aber das immer nur in kleinen Portionen von maximal drei Stunden. Dazwischen hat sie sich als sehr unselbstständig erwiesen: Sie kann sich überhaupt nicht selber beschäftigen (außer sie schaut ihre eigene Hand an), sie jammert dauernd, dass sie Hunger hätte und auch um ihre Hygiene will sie sich nicht selbst kümmern.

Ich möchte hier kein Mitleid generieren – meine Frau und ich wussten seit neun Monaten, dass sie einziehen wird und auch wenn wir sie nicht kannten, wurden wir über diese Unselbstständigkeit informiert. Wir haben diverse Kurse besucht, der Staat unterstützt uns und längst für verschollen gehaltene Verwandte haben Care-Pakete geschickt. Also können wir uns gar nicht beklagen. Wollen wir auch nicht, tun wir aber trotzdem: Niemand hat uns davor gewarnt, wie unkommunikativ Clara sein würde. Erst nach drei Tagen hat sie uns ihren Namen verraten.

Im Allgemeinen vermisse ich meinen Tresen trotzdem nicht. Da wurde ich auch oft von unartikulierten Menschen angeschrien und auch da wusste ich meistens nicht, was sie genau wollten. Außerdem muss man Clara zugestehen, dass sie immerhin sehr viel schöner ist als andere Menschen. Die vielen Besucher sind immer wieder entzückt. Man kommt sich ein wenig vor wie der Hausmeister im Louvre, der die Venus von Milo abstaubt. Ich vermisse auch nicht den anderen Tagrhythmus. Mit allen anderen nach Hause zu gehen, das hat was. Manchmal aber, wenn wieder eine Deadline ganz leise, aber dafür umso gewaltiger, heranrollt oder wenn ich einfach gerade keinen anständigen Satz schreiben kann, dann wünsche ich mich auf die andere Seite vom Tresen mit einem Sazerac oder einem Negroni, irgendwas Klassisches, was eigentlich nur aus Alkohol besteht.

Und manchmal vermisse ich meinen Schlaf. Was heißt manchmal – eigentlich immer. Schlafmangel führt angeblich zu erhöhter Reizbarkeit. Das kann ich nicht bestätigen, ich muss mir nur unsere neue Mitbewohnerin länger anschauen und jede Aggressivität verschwindet – auch wenn sie gerade wieder schreit und ich keine Ahnung habe warum. Folgen hat der Schlafentzug dennoch, laut einer Studie befinden sich Menschen, die so wenig schlafen wie ich, auf dem geistigen Niveau eines Achtjährigen. Die neuen Kollegen haben sich glücklicherweise aber schnell daran gewöhnt. Jedenfalls loben sie mich immer, wenn ich wieder auf dem Arbeitsweg aufgesammelte Kastanien mitbringe und aus ihnen Tiere bastele.