Vom 28.10.2014 -- Peter Bleyer
Wenn die Todesstrafe droht...

Von Mohammad, Vajiheh und ihrer Tochter Melina las ich zum ersten Mal in einer E-Mail. Eine Pressesprecherin schrieb, dass die dreiköpfige Familie im Pfarrhaus in Ketsch (Rhein-Neckar-Kreis) im Kirchenasyl lebt. Sie waren aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet. Den Grund dafür fand ich einige Zeilen weiter: Mohammad, Vajiheh und Melina hatten sich in ihrer Heimat einer christlichen Hauskirche angeschlossen. Auf Abkehr vom Islam steht im Iran die Todesstrafe. So hatten sie keine andere Wahl, als ihre Familie, ihre Freunde und ihr Zuhause zu verlassen, um ihr Leben zu retten. In Deutschland wiederum wiesen die Behörden den Asylantrag ab, die Rechtslage ist schwierig. So kamen die drei nach Ketsch ins Pfarrhaus.

Als ich die E-Mail gelesen hatte, war mir eins klar: Das ist keine Geschichte, die erzählt werden kann, sondern erzählt werden muss. Ich vereinbarte einen Termin mit dem zuständigen Pfarrer und fuhr die 60 Kilometer nach Ketsch, um die Familie zu treffen. Was ich dann sah, widersprach erst einmal meiner Vorstellung, mit der ich hergereist war. Mir sprangen nicht Kargheit, Armut oder Elend entgegen. Stattdessen trat ich in eine schön eingerichtete Dachgeschosswohnung, in der zwei junge Menschen mit ihrer Tochter lebten. Aber als ich mit Vajiheh und Mohammad sprach, wurde mir klar, dass das Leid viel tiefer lag. Sie erzählten von der Ungewissheit, die sie begleitet, von der Angst, einfach abgeschoben zu werden. Auch von dem Gefühl, eingesperrt zu sein und nichts tun zu können außer abzuwarten. Da vor allem Vajiheh ihre Geschichte sehr emotional schilderte, konnte ich das Ausmaß dieses Familiendramas zumindest ansatzweise nachempfinden. Das Wort Ungerechtigkeit kam mir damals und kommt mir auch heute in den Sinn.

Trotz allem erzählten die beiden auch von Hoffnung. Sie wünschten sich, hier in Ketsch bleiben zu können. Ich erfuhr, dass die Bewohner der Gemeinde so gut es ging versuchten, die kleine Familie zu integrieren. Viele kamen mit Geschenken vorbei, viele spendeten. Zur kleinen Melina kamen andere Kinder zum Spielen.

Mit diesem eindrucksvollen Input fuhr ich zurück in die Redaktion und schrieb die Geschichte. Einige Wochen später besuchte ich die Familie erneut und drehte einen kleinen Film, den ich hier verlinkt habe. Dieses Thema jedenfalls habe ich bis heute nicht ad acta gelegt. Es hat mir deutlich vor Augen geführt, dass wir uns das Unrecht, das andernorts geschieht, in unseren warmen Wohnzimmern nicht annähernd ausmalen können. Es hat mir aber auch gezeigt, dass die Menschen sehr wohl bereit sind, anderen zu helfen, wenn es darauf ankommt.

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