Vom 10.10.2014 -- Michael Richmann
Fußball in 1'30
Blick in die Schalke-Arena vom Reporterplatz aus

Der Ball fliegt, ist lange in der Luft und tropft schließlich an der Brust von Chinedu Obasi ab – begleitet von der mir so vertrauten Stimme: "Das ist Obasi. Obasi dringt in den Strafraum ein, an Schulz vorbei, umkurvt Rune Jarstein – und schiebt den Ball ins leere Tor. 1:0 für den FC Schalke 04; und die Hertha, die muss sich jetzt etwas einfallen lassen."

WDR-Sportreporter Holger Dahl wirkt zufrieden. Ich sehe das, weil seine Stimme diesmal nicht aus dem Radio dröhnt. Holger Dahl sitzt neben mir, an einem überraschend kalten Freitagabend in der Schalke-Arena. "Da haben wir Glück gehabt. Das ist immer das Schönste, wenn man bei einem Tor live drauf ist." Dahl kritzelt auf seinem Notizzettel, während er die Wiederholung auf dem Bildschirm verfolgt, der vor ihm in den Tisch eingelassen ist.

Der RBB in zehn

Der Radioreporter braucht nicht viel Platz: Vor dem Klemmbrett mit den Notizzetteln stehen zwei Uhren, von denen eine die Spielzeit anzeigt. Das Mikrofon stets in der Hand schaut er auf einen weiteren Zettel: den Plan für die Schalten. Sämtliche ARD-Anstalten können sich Holger Dahl auf Sendung holen. "Für den RBB in zehn". Gemeint sind die Sekunden in denen er anfängt zu sprechen. Der Plan zeigt ihm, wann er für welche Anstalt gebucht ist – da bleibt kein Spielraum für Verhandlungen, entweder sie sind pünktlich drauf oder nicht. "Was für ein Kaltstart für die Hertha. Dabei hatte sich das 1:0 durch Chinedu Obasi in der 16. Spielminute schon abgezeichnet. Trainer Jos Luhukay hatte seine Hertha auf sechs Positionen umgestellt, und das nutzte Schalke 04, um die Berliner von Anfang an unter Druck zu setzen."

In 90 Sekunden muss Dahl das bisherige Spiel erklären, live "an den Ball" gehen und eine kurze Tendenz aufzeigen. Nach 90 Minuten hat er sich genau einmal verhaspelt, und zwar als er nach Abpfiff zwei Spielberichte für die Abendsendungen ins Mikrofon spricht. "Erfahrung“, sagt Dahl, „das kann man alles trainieren." Holger Dahl hat sein Mundwerk bei den NRW-Lokalradios gelernt. Es war der Trainer seiner Fußballmannschaft, der den Sportstudenten in den 1980ern für den privaten Hörfunk angeheuert hat.

Der Hunter hat Erbarmen

Als nächstes steht der WDR auf dem Plan, diesmal mit einer Rückleitung. Etwa eine Minute bevor Moderatorin Anke Feller live ins Stadion schaltet, kann sie mit Holger Dahl die Eingangsfrage besprechen. "Frag am besten nach den Umstellungen in der Abwehr. Die Schalker haben ja so viele Verletzte, dass die mit zwei ganz jungen Innenverteidigern spielen müssen."

Frag am besten nach den Umstellungen in der Abwehr. Die Schalker haben ja so viele Verletzte, dass die mit zwei ganz jungen Innenverteidigern spielen müssen.

Abpfiff: Schalke gewinnt 2:0. Wir sind mit Jan Wochner verbunden. Der Spielfeldreporter macht sich sofort auf die Jagd nach O-Tönen. Die Laune der Herthaner ist ausbaufähig und das Fernsehen hat Vorrang – Exklusivvertrag. Doch Klaas-Jan Huntelaar hat Mitleid. Nach seinem Treffer zum 2:0 hat er ohnehin gute Laune. Nach dem Interview fasst Holger Dahl das Spiel noch zweimal zusammen: eine Minute für die Nachrichten, 1’30 für die Magazine – auf die Sekunde getextet. Die Server im Funkhaus zeichnen mit.

Über die A2 geht’s zurück ins Rheinland. Gleichmäßig rollt der Wagen durch die Nacht – begleitet von der mir so vertrauten Stimme. Diesmal wieder aus dem Radio.

 

*Der Live-Kommentar von Holger Dahl ist aus dem Gedächtnis rekonstruiert.

 

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