Vom 09.02.2015 -- Sarah Jehle
„Ihr von der Presse wisst ja schon Bescheid“
Medienrummel um den neuen Generalvikar

Als ich am 22. November 2014 den Routinecheck auf Facebook mache, trifft es mich wie ein Schlag. Unser Generalvikar Dr. Karl Hillenbrand soll gestorben sein. Was im Grunde gar nicht sein kann, habe ich ihn doch noch vor zwei Tagen persönlich getroffen. Aber es ist tatsächlich wahr. Zwei Monate lang werde ich täglich damit konfrontiert. In der ersten Zeit geht es um die Unfassbarkeit des Ganzen, um Vorbereitungen zur Beerdigung oder um Trauer.

Wilde Spekulationen

Dann plötzlich ist das Thema ein anderes: Wer wird wohl der neue Generalvikar? Am Pressetisch der Kantine werden täglich neue Namen in den Ring geworfen. „Gibt’s was Neues?“, „Was denkst du?“ Naja, keine Ahnung, ich wohne doch erst seit Oktober in Würzburg, die meisten Namen, die so gehandelt werden, hab‘ ich noch nie gehört. Außerdem bin ich doch bloß Volontärin hier!

Langsam nehmen die Spekulationen an Fahrt auf. Irgendwie scheint klar zu sein, dass es jetzt nicht mehr lange dauern kann. „Es wird garantiert einer aus dem Domkapitel“, „Ich habe gehört, dass es am Freitag verkündet wird“. Die Lokalzeitungen greifen das Thema auf, stellen verschiedene Kandidaten vor, in der Kantine wird der Cappuccino kalt, auf Presseterminen werde ich abgepasst. Es würde mich nicht wundern, wenn jemand mit einem Hut rumginge, um die Wetteinsätze einzutreiben.

Es ist soweit!

Dann steht eine Besprechung im gemeinsamen Terminkalender. Auch mein Kürzel ist aufgeführt. Bei geschlossener Tür senkt der Chef verschwörerisch seine Stimme: „Donnerstag ist es soweit!“ Den Namen kann er uns noch nicht verraten, aber selbst der Tag der Bekanntgabe gehört zu den größten Geheimnissen in der ganzen Diözese. Wie aufregend! Tatsächlich weiß ich jetzt etwas, das fast niemand im Bistum weiß! Etwas, dessen Ausposaunen sogar eine Abmahnung nach sich ziehen würde. Ich bin vielleicht bloß Volontärin, aber plötzlich fühle ich mich super wichtig!

Der Donnerstagmorgen ist ungewöhnlich hektisch. Den Mitarbeitern des Ordinariats wird bekanntgegeben, dass der Bischof heute selbst das Mittagsgebet im Vestibül des Generalvikariats spricht. Ein klares Anzeichen. Denn obwohl es keiner ausspricht, spricht es sich schnell herum: Heute fällt der Name! Die letzten Details zur Bekanntgabe werden besprochen, die Pressemappe erstellt, die Zeitschaltuhr für die Internetveröffentlichung auf 12.30 Uhr gestellt, der Lebenslauf des neuen Generalvikars Korrektur gelesen. Ja, da steht es schwarz auf weiß. Ein paar Stunden vor der großen Neuigkeit weiß ich also Bescheid. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren.

Bereits eine viertel Stunde vor 12 Uhr ist im Vestibül im ersten Stock einiges los. Überall sind Kameras, mehrere Mikrofone und ich mit meinem Block in der Hand, „falls noch irgendwas Unvorhersehbares passiert“, so die Ansage vom Chef. Der Geräuschpegel ist riesig, überall werden noch letzte Spekulationen laut. „Ihr von der Presse wisst ja schon Bescheid“, spricht uns einer an. Als Antwort kann ich nur selbstverliebt grinsen.

Die Katze ist aus dem Sack

Der Bischof scherzt noch über das plötzliche, große Interesse am wöchentlichen Mittagsgebet, lässt dann aber nach dem Engel des Herrn schnell die Katze aus dem Sack: Thomas Keßler! Dann: spontaner Applaus, weiter hinten noch ein drängendes „Wer?“, und innerhalb kürzester Zeit leert sich der Raum, nur die Pressevertreter warten noch. Der erste Pressetermin mit „dem Neuen“ steht an.

Eine halbe Stunde später ist alles geschafft. Die Nachricht ist raus. Über Facebook, Radio und einen Liveticker – ja es gab tatsächlich einen Liveticker auf der Homepage der Lokalzeitung! Bei einem abschließenden Glas Sekt klopfen wir uns noch bescheiden auf die Schulter. „Hat doch ganz gut geklappt“.

Stimmt! Und diese paar Stunden „Wissen“ werde ich bestimmt nicht so schnell vergessen.