Vom 08.11.2016 -- Melanie Pies
Wo ist die Grenze?

Bei bestimmten Themen kann es ganz schön hart sein, einen Mittelweg zu finden: Zwischen journalistischer Professionalität und Sensibilität, zwischen Neugierde und Akzeptanz von Grenzen, zwischen Must-Do's und Respekt. Gerade in den letzten Monaten ist mir das sehr klar geworden. Irgendwann heißt es einfach: Stopp!

Für meine Recherchearbeit im Volo habe ich mir das Thema "Kinderdemenz" ausgesucht. Eine Krankheit, die kaum jemand kennt. Da es zu wenige Fälle gibt (700 in Deutschland), wird zu wenig geforscht. Resultat: Es gibt keine Medikamente. Das Ganze fängt mit einer Sehschwäche im Grundschulalter an. Dann kommt langsam die Gedächtnisschwäche dazu. Wieder ein paar Jahre später Blindheit und epileptische Anfälle. 

Immer weiter sterben Nervenzellen ab und die Kinder entwickeln sich geistig und motorisch zurück. Alles Gelernte wird vergessen. Sie werden Pflegefälle. Zwischen 20 und 30 Jahren sterben sie. Über eine Stiftung konnte ich eine Frau kennen lernen, deren 16-jährige Tochter an dieser seltenen Stoffwechselerkrankung leidet. Zweimal habe ich die beiden bereits besucht und die Tochter zur Reittherapie und in die Schule begleitet. Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie mich so nah in ihr Leben und an ihr Schicksal heran gelassen haben und es immer noch tun. Natürlich weiß ich, dass ich mir kein leichtes Thema ausgesucht habe. Aber wenn man sich dann von Angesicht zu Angesicht in der Wohnung gegenübersitzt, stößt man an gewaltig viele Grenzen. 

Es ist ein Seiltanz

Wie persönlich darf ich und muss ich jetzt werden? Mit welcher Frage überschreite ich die Grenze? Was mache ich, wenn meinem Gegenüber die Tränen kommen? Höre ich auf? Wechsle ich das Thema? Sollte ich nun besser gehen? Oder versuchen, zu trösten? Es ist ein Seiltanz und ich hoffe, dass ich bis zum Abschluss dieser Arbeit die Balance halten kann. Und in bestimmten Momenten heißt es einfach nur: Stopp!