Vom 11.09.2015 -- Lisa Mathofer
Wenn Bilder aus den Nachrichten plötzlich ganz nah sind

Berichte über Projekte, die Flüchtlinge im Bistum Osnabrück unterstützen, waren in den vergangenen Monaten immer wieder meine Aufgabe. Deutschunterricht für Flüchtlinge in Osnabrück zum Beispiel oder ehrenamtliche Nachhilfe in Bremen. Der erste Interviewtermin war eine groß angelegte Pressekonferenz. Zusammen mit den Kollegen von den städtischen Fernseh- und Radiosendern und den Lokalzeitungen ließ ich mir von einem syrischen Flüchtling erklären, wie er  die deutsche Sprache lernt und wie er sich sein weiteres Leben in Deutschland vorstellt. Danach ein kurzer Unterrichtsbesuch im Klassenraum. Kurzes Drängeln mit den anderen Journalisten, ein paar Fotos machen und wieder zurück in die Redaktion. Foto: Lisa Mathofer

In Bremen habe ich mich mit fünf unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen und vier ehrenamtlichen Nachhilfelehrern in einen kleinen Raum gesetzt. Zwei Stunden beobachte ich, wie die Ehrenamtlichen den Jungs zwischen 15 und 17 Jahren den Unterschied zwischen „der, die und das“ erklärten. Oder die Bedeutung aerober Zellen im Citratzyklus. Ein paar Fotos und zurück in die Redaktion.

Dann steht ein neuer Termin im Redaktionskalender. Für den Finanzbericht im Bistum bin ich in einer katholischen Jugendwohngruppe verabredet, dort wohnen seit kurzem auch drei Flüchtlinge. Ich soll über das Konzept der Wohngruppe und den neuen Alltag dort berichten – Öffentlichkeitsarbeit für das Bistum also. Mit den Leitern der Wohngruppe sitze ich im Wohnzimmer und schreibe die Fakten auf. Einige Minuten später bin ich dann alleine mit dem 16-jährigen Flüchtling Abdu und seinem Betreuer. Wir einigen uns darauf, dass Abdu einfach so viel erzählt, wie er möchte. Er berichtet von seiner Heimat, dem Sudan. Davon, dass Rebellen seinen Vater töteten, dass seine Mutter und seine Schwester seitdem verschwunden sind. Ein Nachbar nahm ihn bei sich auf, verhalf ihm schließlich zur Flucht. Abdu erzählt mir davon, wir er auf einem Schlepperboot mit vielen anderen Flüchtlingen über das Mittelmeer nach Italien gefahren ist. Wie das Boot tagelang mitten auf dem Meer trieb ohne voran zu kommen.

Zwischen journalistischer Distanz und persönlicher Empathie

Plötzlich bekommen die Bilder aus den Nachrichten für mich eine andere Bedeutung. Die Berichte von überfüllten Flüchtlingsbooten und die Gefahren der illegalen Reisen – sie sind plötzlich nicht mehr nur weit entfernte Nachrichten, die ich wie Fakten aufnehme und wieder verdränge. Auf einmal sind sie bestätigt. Von einem Menschen, der neben mir sitzt und nur mir allein diese Geschichte erzählt. Ich überlege gut, wo ich noch einmal nachhake. Welche Fragen kann ich ihm stellen? Ich bin hin- und hergerissen zwischen journalistischer Distanz und persönlicher Empathie. Nach dem Interview gebe ich ihm die Hand und verabschiede mich. Soll ich noch etwas sagen? Alles Gute für die Zukunft? Das klingt so banal und oberflächlich.

Auch wenn der Weg zurück in die Redaktion diesmal nur sehr kurz ist, laufe ich langsam zurück und hänge mit meinen Gedanken bei Abdus Geschichte.