Vom 03.11.2015 -- Caroline Haro-G...
Ratlos in Budapest

Sie wollen Lehrer und Journalisten zum Nachdenken bringen mit ihren Schulungen. Die Jesuiten in Ungarn haben es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur konkret Flüchtlingen zu helfen. Sondern sie wollen auch zum Nachdenken anregen: Wie sprechen wir eigentlich über Flüchtlinge? In welcher Situation befinden sich die Flüchtlinge und die Länder? Darüber werde viel zu selten gesprochen, sagt der Leiter der Jesuiten in Ungarn, Pater Forrai Tamás bei unserem Gespräch.

Eine schwere Vergangenheit

Und man spreche zu selten darüber, weil man andere Probleme habe: Durch den Kommunismus und die beiden Weltkriege wäre vieles kaputt gegangen. Ich denke     an die vielen schönen alten Gebäude, die erst jetzt so langsam restauriert werden. Ich denke an die Wirtschaft, die recht schlecht läuft. Forrai Tamás spricht aber vor allem von der nationalen Identität. Ein schwieriger Begriff für mich.

Ungarns Geschichte bleibt lebendig

Die Ungarn schotten sich mit einem Zaun gegenüber Flüchtlingen ab, trotz des Unmuts, den sie dafür auch aus Deutschland ernten. Warum? Forrai Tamás spricht vom Schulunterricht. Da wird zum Beispiel das Buch gelesen „Die Sterne von Eger“. Darin schlagen die Ungarn das Osmanische Reich zurück. Ein Buch, das für den Nationalstolz der Ungarn steht. Die Ungarn würden darin sehen, dass sie sich für die Verteidigung stark gemacht haben und es von Europa nicht gedankt bekommen haben. Ich muss an die Herrschaft der Habsburger über die Ungarn denken. Forrai Tamás sieht darin den Grund für die politische Linie: Diese Erfahrungen in der Geschichte seien bei vielen Ungarn im Hinterkopf. Deshalb würden einige Victor Orbán mit seiner Zaunpolitik auch unterstützen – entgegen der Kritik vieler europäischer Länder.

Ich nicke, eine verständliche Erklärung. Und doch lässt mich im Nachhinein das nicht los: Wie kann ein Land noch so von seiner Geschichte geprägt sein? Die Türkenkriege sind schon dreihundert Jahre vergangen... Man kann doch heute nicht einfach mit damals vergleichen. Mir wird klar, dass Deutsche auch von der Geschichte geprägt sind, zurückhaltender im Nationalstolz wegen der schlimmen Geschichte im Dritten Reich. Die Jesuiten wollen die Ungarn zum Nachdenken bringen, aber auch ich bleibe ratlos: Inwiefern beeinflusst die Geschichte eines ganzen Landes die einzelnen Menschen?