Vom 22.12.2014 -- Kilian Martin
Nicht in meinem Namen

Sie sagen, sie wären das Volk: 17.500 Demonstranten am Montag in Dresden. Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes. PEGIDA. Deren Positionspapier irgendwie gar nicht zu den Äußerungen in Interviews passen mag. Aber daran tragen die friedlichen Demonstranten keine Schuld, sondern die Lügenpresse. Sagen sie.

PEGIDA-Demonstranten betonen laufend, dass sie friedlich demonstrieren würden. Das stimmt nicht. Genauso, wie Friede nicht lediglich die Abwesenheit von Krieg bezeichnet, kann sich Gewalt nicht nur physisch äußern. Wenn PEGIDA in absurder Weise eine Gefahr namens Islam heraufbeschwört, ist das verbale Gewalt. Sie wollen nicht pauschal in die rechte Ecke gestellt werden, doch pauschalisieren sie selbst die Islamisierung in Deutschland. Wenn dann noch pauschalisierende ausländerfeindliche Aussagen fallen, müssen wir als Kirche reagieren: Nicht in unserem Namen.

Wir dürfen es nicht hinnehmen

Die Kirche darf es nicht hinnehmen, wenn Religion vorgeschoben wird, um die Menschenwürde zu relativieren. Wir dürfen daher wirklich dankbar sein, dass es in den verschiedenen kirchlichen Medienstellen selbstverständlich ist, sich gegen PEGIDA zu stellen. Die Kollegen von evangelisch.de haben sich klar bekannt und zahlreiche andere haben das Bekenntnis wiederholt, darunter das Erzbistum Bamberg.

Was dort als kleines Projekt in der Social-Media-Redaktion anfing, wurde am nächsten Tag zu einer großen Collage mit Mitarbeitern aus dem Ordinariat in Bamberg. Mit unerwartet heftigen Reaktionen. Über 460 Likes und über 200 geteilte Inhalte.

Auch katholisch.de unterstützt dieses Engagement, weil wir als Christen nun mal an die unbedingte Würde des Menschen und den Frieden – auch in verbaler Form – glauben.
Den Lesern gefiel das gar nicht.

Hasserfüllte Kommentare

Der Blick in die Kommentare unter den verschiedenen Facebook-Posts ist schmerzlich und verstörend. Glücklich, wer das nicht lesen muss.

Heuchler, Linkspopulisten, Mittäter und Kinderficker. Nachrichten an private Accounts der Redaktion. Auch Erzbischof Ludwig Schick ist auf der Collage der Online-Redaktion seines Erzbistums Bamberg zu sehen. „Christen dürfen bei PEGIDA nicht mitmachen“, sagt er. Kirchenaustritte.

Die wahnwitzige Banalität der Denkstrukturen

Aber man kann – muss! – dieser unglaublichen Welle des Hasses auch etwas Positives abgewinnen. Denn sie zeigt, dass wir als Kirche mit unserer Haltung immerhin wahrgenommen werden. Das ist gut. Und wir können aus den Kommentaren die wahnwitzige Banalität der Denkstrukturen vieler PEGIDA-Unterstützer ablesen. Das ist hilfreich.

Nein, wir werden dem Problem mit diesen Zeilen nicht gerecht. Wer dieser Tage die Diskussionen auf kirchlichen Facebook-Seiten verfolgen muss, möchte sicher nicht so knapp und gehalten darüber sprechen. Aber wir möchten dieser Bewegung auch keine größere Plattform bieten als unbedingt nötig. PEGIDA hätte nie so groß werden können, wenn wir in den Medien nicht noch so große Schützenhilfe geleistet hätten.

Wozu dann dieser Text?

Um unserer Fassungslosigkeit ein bisschen Luft zu verschaffen. Wir sehen da gerade ein Phänomen, das uns alle zutiefst besorgt machen muss. Das ist kein Shitstorm, sondern eine ausgewachsene Bewegung. Das sind keine Trolle, sondern Brandstifter. Vielleicht werden wir mit Hashtags und Standpunkten den Feuersturm nicht löschen können. Wo aber Tausende mit dem Ruf "Wir sind das Volk" Hass und Gewalt skandieren, Rassisten die Gesellschaft spalten und irrationale Ängste schüren, da müssen wir als Christen sagen: Nicht in meinem Namen.

Von Julia Haase und Kilian Martin