Vom 05.09.2015 -- Michael Merten
Nach Aylan - eine Betrachtung
Eine Frau betrachtet eine Zeitungsseite mit dem Foto des ertrunkenen syrischen Flüchtlingskindes Aylan.

Emotional zu sein, ist sicher kein guter Zustand für einen Journalisten, um zu schreiben.
Dennoch bin ich aufgewühlt, während ich diese Zeilen tippe. Warum ich nicht warte, bis ich mich beruhigt habe? Weil es verlogen wäre, so zu tun, als ob Zweifel, Wut, Zerrissenheit und Frust nicht zu unserem Berufsbild gehörten.

Vor ein paar Tagen habe ich eine Flüchtlingseinrichtung im Saarland besucht, habe viele der 2.200 Asylbewerber gesehen, die sich, so gut es geht, in dieser Zwischenstation eingerichtet haben. „Hier bin ich richtig“, stand auf der Einkaufstüte eines Flüchtlings. Es klang fast wie Hohn. Doch das Bemühen, irgendwie das Beste aus dieser Situation zu machen, war bei all den Helfern, Hebammen, Handwerkern, Ärzten und Politikern zu spüren.

Am nächsten Tag dann dieses Foto.

Das Bild eines toten Jungen, dessen Leichen die Wellen an den Strand gespült haben und das nun selbst Wellen schlägt. Nur kurze Zeit, nachdem ich es gesehen hatte, saß mir im Zug eine syrische Familie gegenüber. Lubna, die Mutter, zeigte mir Fotos ihres zerbombten Hauses, zeigte mir die Verletzungen ihrer Tochter, die unter Trümmern gelegen hat und nun so fröhlich im Regionalexpress saß und lachte.

Aylan Kurdi -  den Namen hatten Lubna, ihr Mann und ihre drei Kinder noch nicht gehört. Für sie ist ihre eigene, noch nicht abgeschlossene Geschichte maßgeblich: Die Geschichte einer wundersamen Rettung, die sie bis nach Deutschland geführt hat. Mir hingegen drückte es auf den Magen, als Lubna erzählte, wie sie in der Türkei ein Boot bestiegen haben; es war pures Glück, dass es nicht überfüllt war. Die Familie hat es bis nach Griechenland geschafft und ist dann auf dem Landweg durchgekommen.

Ich denke an Aylan.

An das schreiende Unrecht, das täglich tausendfach geschieht. „Thank u sooooo much. You are really kind“, schreibt mir Lubna einige Zeit später, bloß weil ich ihnen etwas Rat und Beistand gegeben habe. Überall sei ihre Familie so freundlich aufgenommen worden, habe man ihnen sofort geholfen, schreibt die Syrerin. Ich lächle. Es ist ein gequältes Lächeln, denn ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn die Familie in Heidenau gestrandet wäre.

Flüchtlinge wie Lubna und ihre Familie, die seit Monaten durch halb Eurasien hetzen oder ein totes Kind am Strand des Mittelmeers. Rein nachrichtlich betrachtet: Nichts Außergewöhnliches. Und doch ist es für mich mehr als journalistisches „business as usual“.