Vom 06.06.2017 -- Silvia Franzus
Die Kurven der Nervosität

Biep, Biep, Biep … Es ist halb acht, mein Wecker klingelt. Schlagartig bin ich wach. Oh Schreck, heute ist Auswahltag im ifp! Kurz darauf realisiere ich, dass ich mich nochmal entspannt zurücklehnen kann – schließlich habe ich das ganze Prozedere schon letztes Jahr erfolgreich hinter mich gebracht. Damals war ich zu dieser Zeit schon längst wach – stand aufgeregt vor dem Spiegel, habe mit Atemübungen versucht, meine Nervosität zu unterdrücken und nochmal einen Blick auf die aktuellen Meldungen in den Medien geworfen. Heute bin ich mit meinem Jahrgangskollegen Sebastian dafür zuständig, die Bewerber zu beruhigen.

Die ersten habe ich schon gestern Abend getroffen, als sie etwas verloren vor dem Eingang standen und auf der Suche nach dem Weg zu den Zimmern waren. Später haben sie mich über meine Erfahrungen am Auswahltag, im ifp und in der Redaktion ausgequetscht und ich habe sie umgekehrt nach ihren Kenntnissen, Vorstellungen und Wunschredaktionen gefragt. Gegen elf wurde es dann ruhig auf dem Gang, die Bewerber haben sich in die Zimmer verzogen, um zu schlafen und vielleicht noch einen Blick in das ein oder andere Medium zu werfen. Ob der wirklich was genutzt hat, wird sich noch zeigen.

Beim Frühstück ist der Nervositätspegel bei manchen der Bewerber schon deutlich erhöht, andere sitzen noch entspannt bei einer Tasse Kaffee und tauschen sich über Praktika aus. Ich bin froh, dass für mich der Tag heute eher entspannt abläuft – ganz anders als letztes Jahr, als ich noch meine „Konkurrenz“ gegoogelt habe und von deren Vorerfahrungen doch etwas eingeschüchtert war. Heute weiß ich nicht mal genau, welche Redaktionen neu besetzt werden. Muss ich ja auch nicht…

Dann rein in den Seminarraum. Vorhin meinte eine Bewerberin, dass sie dort während der Vorstellung des ifps ganz entspannt gewesen sei. Höhepunkt der Nervosität ist wohl das Warten vor dem Gruppengespräch. Doch dafür bin ich ja da: Nochmal beruhigen, Smalltalk machen, nach Wunschredaktionen oder der Heimat fragen. Auch Wolfgang Sauer, der geistliche Direktor des ifp, unterstützt mich dabei, scherzt, findet beruhigende und ermutigende Worte für jede und jeden. Die Tür öffnet sich, ich beobachte die kleine Gruppe, wie sie sich für die Fragen der Jury wappnet. Für mich verging die Stunde dort überraschend schnell, aber zufrieden war ich selten mit mir. Zu sehr hatte ich das Gefühl, einem Kampf ausgesetzt zu sein, wer denn die beste, kreativste oder kompetenteste Lösung auf die gestellten Probleme und Fragen findet. Trotz dieser Zweifel habe ich es geschafft, und bin seit Oktober Volontärin beim ifp.

Jetzt sitze ich im Seminarraum, in dem ich auch letztes Jahr über meinem Bericht und Kommentar gegrübelt habe. Mit mir im Raum sieben Bewerber, die ihre Gespräche schon hinter sich haben. Seit sie aus der Diskussionsrunde zurück sind, hat die Nervosität im Raum deutlich abgenommen. Noch haben sie ja zwei Stunden Zeit bis zur Abgabe der Texte, können an Formulierungen feilen, ihre Meinung im Kommentar über den Haufen werfen, sich Inspiration bei einem Kaffee oder einer Zigarette im sonnigen Innenhof holen und über einer zu großen Zahl von Textzeichen verzweifeln.

Wenn das endlich geschafft ist, die Texte abgegeben sind und die Nervosität des Tages abfällt, dann heißt es Warten und Hoffen; dass vom ifp Ende der Woche eine gute Nachricht kommt; dass sich die gewünschte Redaktion meldet; dass das Bewerbungsgespräch dort gut verläuft; dass die heiß ersehnte Zusage zum Volontariat kommt.

Und ich? Ich bin gespannt, welche der heute Anwesenden ich im November beim ifp-Jahrestreffen in Potsdam wiedersehen werde.