Vom 21.05.2015 -- Kilian Martin
Wie Internet, nur offline

Das Internet ist mein Arbeitsplatz. Es ist die Sphäre, in der sich ein großer Teil meines privaten, persönlichen, alltäglichen Lebens abspielt. Im Netz werden Gegenwart und Zukunft des Journalismus entschieden. Wie wir das digitale Leben gestalten, gehört daher zu den zentralen gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit. Bei der re:publica in Berlin wurde genau darüber diskutiert.

Ich kann mich vielleicht nicht mehr daran erinnern, wie ein 56k-Modem beim Einwählen klingt. Auch kann ich mich nicht daran erinnern, wie es war, dauernd offline zu sein. Das Netz ist so eng in alle Bereiche meines Lebens eingewoben, dass ich die – steile – These eines #rp15-Referenten teilen will: Das sogenannte "real life" ist auch nur eine Form von Realitätsflucht. So oft wird dem Netz entgegen gehalten, dass es nicht "real" sei – vielleicht ist ja auch die Offline-Welt "nur virtuell", eine Konstruktion?

#rp15 ist der Hashtag zur größten Konferenz für das digitale Leben in Europa. Zum neunten Mal seit 2007 fand in der vorvergangenen Woche in Berlin das einst als Bloggerkonferenz gegründete Netz-Festival re:publica statt. In diesem Jahr mit 7.000 Teilnehmern und 850 Speakern von allen Kontinenten, die in 450 Sessions an drei Tagen zu unzähligen, netzrelevanten Themen gesprochen haben.

Nachdem ich bereits zwei Mal privat an der Veranstaltung teilgenommen habe, war ich dieses Jahr dienstlich in Berlin. Denn die re:publica ist eine der wichtigsten deutschen Veranstaltungen zur Zukunft des Journalismus. In einem anderen Blogpost hatte meine Kollegin Julia Rathcke einen Kollegen zitiert, der sinngemäß sagte, der Journalismus würde sicher überleben, nur die Form sei ungewiss. Um diese Frage ging es bei der diesjährigen re:publica und besonders bei der mittlerweile voll integrierten media convention Berlin.

 Fast alle Sessions funktionieren dabei nach einem einfachen Prinzip: Praktiker teilen Praktikern ihre Erkenntnisse und Ideen mit. Die re:publica lebt vom gegenseitigen Lernen.

Die Branche blickt längst nicht mehr nur mitleidig auf "diese Blogger", sondern schickt Vertreter ihrer Chefredaktionen nach Berlin. Schließlich geht es bei der re:publica abseits des umfassenden Informationsgewinns auch ums Netzwerken – wie im Internet eben, nur offline.

Weil spätestens nach dem fünften Talk des Tages eine Denkpause sein muss, mischt man sich unters Volk und trifft offline die Menschen hinter den Twitter-Accounts und Facebook-Profilen, die einem täglich online begegnen.

Mittlerweile sind darunter sogar etliche Kollegen von den katholischen Medien. Aber die kirchlichen Journalisten bilden noch immer eine überschaubare Truppe. Immerhin spielen Journalistenschüler durchaus eine wichtige Rolle für die re:publica: Schüler der DJS hatten in diesem Jahr wieder einen täglichen Reader mit Berichten von den Sessions des Tages erstellt. Ein extrem ambitioniertes und spannendes Projekt.

Es ist müßig, eine in vielerlei Hinsicht so große Veranstaltung in einem Blogpost und ein paar Bildern erklären zu wollen. Ich kann daher jedem nur raten, einmal selbst an diesem "Klassentreffen der Netzgemeinde" teilzunehmen. Ich werde es jedenfalls wieder tun.