Vom 29.06.2018 -- Eva Bernarding
Stall statt Schreibtisch
Adelboden, Schweiz

Dienstagmorgen, halb 11 Uhr, Redaktionskonferenz.  Entspannt sitze ich im Konferenzraum, und diskutiere mit über die Themen der nächsten Ausgabe. Wie aus dem Nichts, wendet sich mir meine Kollegin plötzlich zu und meint: Die Caritas der Schweiz sucht Freiwillige, die Bergbauern in Not helfen. Und du wirst da mitmachen. Hilf mit und bring uns eine Reportage mit.

Etwas perplex schaue ich sie an. Meine erste Reaktion: „Wow, wie cool! Eine Woche Schweiz statt Redaktionsalltag“. Dann aber fällt mir ein, dass ich eigentlich keine Tiere mag und körperliche Arbeit bislang nicht so mein Ding war.

Ich bin zwiegespalten. Aber die Chance auf meine erste eigene Auslandsreportage will ich mir nicht entgehen lassen. Also fahre ich los in die Schweiz, nach Adelboden im Berner Oberland.

Am Telefon klang meine Gastbauernfamilie schon mal sehr nett. Trotzdem sitze ich die ganzen acht Stunden Zugfahrt aufgeregt auf meinem Sitz und zerbreche mir den Kopf darüber, was mich wohl erwarten wird. Ich sehe mich schon hilflos im Misthaufen stehen oder an einem steilen Hang in den Bergen hängen. Gott sei Dank bestätigt sich der herzliche Eindruck der Familie bei meiner Ankunft.
Das Erste, was mir auffällt, ist das beeindruckende Panorama. Hohe, schneebedeckte Berge, satte, grüne Hänge und ein wunderschöner Wasserfall zieren die Umgebung rund um den Bauernhof der Familie. Egal wie die Woche werden wird, der Ausblick stimmt schon mal. Ohne kurze Pause geht es sofort los: In den Stall.

Ab diesem Zeitpunkt gibt es kaum eine ruhige Minute mehr. In den kommenden Tagen helfe ich im Haushalt mit, unterhalte die Kinder, miste den Stall aus, bringe die Almhütte der Familie auf Vordermann und kraxle eine Stunde lang einen steilen Berg hoch, um an einem Hang mit 50 Prozent Gefälle Äste wegzuräumen. Nebenbei lerne ich viel über die Tiere, den Alltag von Schweizer Bergbauern und Käse. Ich trinke jeden Tag Milch aus eigener Herstellung, esse Wurst von den eigenen Tieren und sehe mich an dem Bergpanorama gar nicht mehr satt. Mein Arbeitstag hat plötzlich mindestens 14 statt 8 Stunden. Und abends bin ich ziemlich platt.

Als ich freitags wieder im Zug sitze atme ich erst einmal tief durch. Die erste große Reise als Journalistin ist geschafft. Eine anstrengende, aufregende Woche ist zu Ende, die ich so schnell nicht vergessen werde.

P.S.: Ein herzliches Dankeschön an meine tolle Gastfamilie, die alles möglich gemacht hat, damit ich so viele Eindrücke wie möglich mitnehmen konnte.