Vom 12.04.2016 -- Renardo Schlege...
Feierabend im Vatikan

Morgens brauche ich keinen Wecker. Ab sieben Uhr schlagen die Glocken des Petersdoms so laut, dass ich dann nicht mehr schlafen kann. Ich wohne gerade für einen Monat im Vatikan und der Petersdom ist auf der anderen Straßenseite.

Über ein Jahr lang hat die Vorbereitung für diesen Monat gedauert. Ich bin im Praktikum bei Radio Vatikan. Angefragt und beworben habe ich mich schon Ende 2014. Jetzt hat's nun endlich geklappt. Der Radiosender des Vatikan liegt nicht auf dem Gebiet des kleinsten Staates der Welt. Die Studios und Büros von Radio Vatikan befinden sich gegenüber der Engelsburg in Rom, am Anfang der Via della Conciliazione. Um an den Arbeitsplatz zu kommen, muss ich also morgens einfach diese Prunkstraße hinab gehen. Das ist aber allerdings leichter gesagt als getan, besonders an päpstlichen Audienztagen.

Jeden Mittwochmorgen pilgern zehntausende Menschen aus aller Welt zum Petersplatz zur Generalaudienz mit Papst Franziskus. „Scusi, Scusi, excuse me, Entschuldigung!“ Pilger rechts, Pilger links, Polizisten an jeder Ecke. Denen muss ich alle paar Meter klar machen, dass ich kein Pilger bin, der sich vordrängeln will, sondern einfach zur Arbeit muss. Erkenntnis: An Audienztagen muss man ein bisschen früher los.

Angekommen im Büro stehen dann die Nachrichten aus dem Vatikan und der Weltkirche im Mittelpunkt. Vergangenen Freitag wurde das päpstliche Schreiben „Amoris Laetitia“ veröffentlicht. Das ist im Moment das vatikanische Top-Thema. Auf dem Programm stehen jede Menge Erklärungen, Reaktionen und Einordnungen. Damit kann man schon locker mehrere Arbeitstage füllen. Es ist umso faszinierender, wenn man bedenkt, dass diese Entscheidungen, über die die ganze Weltkirche spricht, gerade mal ein paar hundert Meter von meinem derzeitigen Arbeitsplatz entfernt getroffen worden sind.

Es ist aber nicht alles Politik und Theologie. Das Top-Klatschthema heute im Vatikan: Ein Liefer-LKW auf dem ein Bild zweier spärlich bekleideter junger Damen abgebildet war, durfte die Grenze zur Vatikanstadt nicht überqueren. Frauen und Männer im Vatikan haben sich schließlich ordentlich anzuziehen. Und das gilt auch für Lastkraftwagen! Der LKW durfte dann schließlich mit Verhüllung in den Vatikan einfahren. Für mich steht das jetzt auch an. Nicht die Verhüllung, sondern der Rückweg in den Vatikan.

Der Heimweg ist am Abend ein Wohlgenuss. Wenn man auf den Petersdom zu läuft, hinter der Kuppel der Kathedrale die Sonne versinkt, und einem die Schweizer Gardisten noch am Grenzübergang salutieren … dann kann der Feierabend doch gut losgehen. Und vielleicht kommt der Nachbar Franziskus ja mal auf ein Feierabendbier vorbei ...