Vom 30.12.2018 -- Janosch Beyer
Ellenbogen raus!

Als Volontär bei einer Kirchenzeitung sind die Termine meist überschaubar. Oft bin ich der einzige Journalist, manchmal ist noch ein Redakteur der Lokalzeitung da. Jeder kann in Ruhe seine Fotos machen, wir sprechen uns ab, wie die Menschen am besten hingestellt werden. Die Lächeln dann einmal in die eine Kamera  und anschließend in die andere.
Manchmal gibt es dann aber doch ein Großereignis. Wenn sich der neue Bischof von Fulda vorstellt, zum Beispiel. Es ist natürlich Ehrensache, dass die Kirchenzeitung aus Michael Gerbers Heimat ihm nach Fulda nachreist. Am Grab des Heiligen Bonifatius beginnt seine Stippvisite und meine Überraschung ist groß: Drei Kamerateams, locker 15 Fotografen, zahlreiche Redakteure. Die Grotte unter der Kirche bietet nicht übermäßig viel Platz, aber von den Treppen haben alle einen guten Blick. Das Taktieren um die beste Position fängt trotzdem schon eine halbe Stunde vor Eintreffen des Bischofs in Spe an. Bei seinem Gebet am Bonifatiusgrab versuchen dann alle "Das Bild" herauszuholen -  der junge Bischof betet vor der altehrwürdigen Grabstätte. Die idealen Motive für die Zeitung oder den Videobeitrag. Das normale Publikum sieht während der Veranstaltung fast nichts mehr von Michael Gerber. Im Anschluss schaut er noch einmal im Kreis herum, damit auch wirklich alle ein Foto von ihm machen können. Für mich stehen zu viele im Weg, ich hab mich bei der Startposition vertan.
Michael Gerber bleibt trotz des Trubels gelassen, geht zur nächsten Station in den vollen Dom - der Tross folgt ihm. Nach seiner Rede möchte er noch den Menschen "Hallo" sagen. Wie ein Rudel Schakale stürzen sich die Fotografen auf diesen Moment -  der perfekte Aufmacher. Der neue Bischof unterhält sich mit dem kleinen, vielleicht 4-jährigen, Titus. Der schaut etwas verstört in die vielen Kameras. Derweil sind auf dem etwa zwei Meter breiten Gang nicht nur Gäste, sondern auch die Meisten der anwesenden Journalisten aufgestellt.  Wie alle anderen brauche ich gute Bilder, bin ein Teil des Rudels. Ein Kameramann haut mir den Ellenbogen in die Rippen, ein Fotograf versucht mich mit der Schulter zur Seite zu schieben. Vorteil für mich: Ich bin relativ groß und breit. Doch ist es nicht einfach, im Getümmel die Kamera stabil zu halten und wackelfreie Bilder hinzubekommen. Am Ende habe ich trotzdem gutes Material beisammen und die Gruppendynamik eines Reporterrudels mitzubekommen war spannend -  jeden Tag brauche ich das aber wirklich nicht. Vielleicht sollten wir mehr über den Einsatz von Drohnen nachdenken, aber dann bitte mit Abstandssensoren.