Vom 17.03.2015 -- Christina Weise
Als Frau in Guatemala

Drei neue Erfahrungen sollte diese Reise für mich bringen: zum ersten Mal in Guatemala zu sein, das erste Mal als VJ zu filmen und sich unsicher zu fühlen, weil ich eine Frau bin. Schon vor der Reise war die Aufregung groß - na klar. Aber ich war ja nicht alleine unterwegs, mich begleiteten noch drei Kollegen.

Das Recherchethema war Friedensarbeit. Guatemala ist unter anderem bekannt für seine Grausamkeiten. Dem 36 Jahre währenden Bürgerkrieg (1960 bis 1996) fielen um die 200.000 Menschen, überwiegend Indigene, zum Opfer. Die Aufarbeitung geht gar nicht bis schleppend voran. Gerechtigkeit ist weit entfernt. Die Menschen, mit denen wir sprachen, erzählten uns von Verfolgung und Folter, manche brachen beim Interview in Tränen aus, andere berichteten erschreckend distanziert von ihren Erlebnissen.

Unsichtbare Gewalt

Doch nicht nur damals, auch heute noch lauern in Guatemala viele Gefahren. Nach Honduras und zusammen mit El Salvador ist es das gefährlichste Land Lateinamerikas. Auch wenn sich die Gefahr nicht mehr so offen zeigt, sondern vor allem im Haus stattfindet. Dort sind besonders die Frauen gefährdet. Nicht selten kommen Ehemänner betrunken nach Hause und werden handgreiflich.

Diese Gefahren habe ich indirekt zu spüren bekommen. Weil ich eine große Kamera dabei hatte. Weil ich eine Frau bin. Mehrmals verbaten mir unsere Begleiter, die Kamera auszupacken, da sie dann nicht mehr für meine Sicherheit garantieren könnten. Denn so eine Kamera zieht Aufmerksamkeit auf sich. Als Weiße gelte ich sowieso schon als reich, die Kamera unterstreicht diesen Eindruck nur noch. Als Frau gelte ich als leichtes Opfer. Ein guter Fang also.

Auch wenn für mich keine Gefahr sichtbar war und ich gerne gefilmt hätte, folgte ich den Anweisungen, denn ich wollte meine Begleiter und mich nicht unnötig in Gefahr bringen. Innerhalb von einer Sekunde könne das friedliche Treiben umschlagen, sagten sie mir. Innerhalb von einer Sekunde könnten Menschen sterben.

Beherrschende Angst

Nach einem Interview ging ich einmal mit der Kamera in der Hand neben meiner Interviewpartnerin die Straße entlang. Mein Team und unsere Begleiter waren etwas langsamer unterwegs. Nach kurzer Zeit sagte sie mir, wir sollten doch besser warten, sie habe Angst, mit mir alleine auf der Straße zu sein. Vielleicht könnten wir auch einen Mann rufen, der uns begleitet. So alleine als Frauen und dann noch mit einer Kamera seien wir stark gefährdet.

Trotz der vielen Gefahren und den damit einhergehenden Einschränkungen, war es eine spannende Reise bei der ich viele interessante und bewundernswerte Menschen getroffen habe. Allerdings habe ich mich dort auch zum ersten Mal richtig hilflos gefühlt und in eine Opferrolle gedrängt, nur durch die Tatsache, dass ich eine Frau bin.
 

Über Gewalt in Guatemala hab ich auch im Adveniat-Blog geschrieben.
Foto: Achim Pohl