Vom 06.12.2018 -- Victoria Förster
Der Nikolaus weiß Bescheid – auch über die Volos
Sein goldenes Buch hat der Nikolaus bei jedem Besuch dabei.

Zuerst erkenne ich den goldenen Stab, dann die alt wirkende Hand, die sich auf ihn stützt. Den Kopf hat der ältere Herr gesenkt, um mit seiner roten Mitra nicht am Türstock hängen zu bleiben. Als er sich aufrichtet, blicken mich über einem weißen Rauschebart zwei blaue Augen direkt an. Ich rutsche intuitiv etwas tiefer in die fremden Sofakissen. Vor mir steht der Nikolaus.

Als er mit tiefer, sonorer Stimme die ersten Worte von Theodor Storms „Von drauß’ vom Walde komm ich her“ spricht, bin ich plötzlich wieder fünf Jahre alt. Und mein fünfjähriges Ich kann euch ganz genau sagen, was gleich passieren wird. Der Nikolaus wird in sein goldenes Buch blicken... und er könnte, wie ich fürchte, in diesem Jahr Folgendes finden:

„Victoria, die Engel haben mir in mein Buch geschrieben, dass du im letzten Jahr nicht immer brav gewesen bist. Hier steht, du hättest oft mit den Studienleitern diskutiert. Das muss im nächsten Jahr anders werden.
Aber ich kann dich auch loben. Die Engel haben mir auch aufgeschrieben, dass du immer mit viel Leidenschaft die Kurse besucht hast. Und beim geselligen Miteinander hast du nur selten geschwächelt, wie mir deine Mitvolontäre verraten haben. Weiter so!“

Doch so weit kam es zum Glück nicht. Das war schließlich kein echter Nikolausbesuch, sondern Recherche für das Würzburger katholische Sonntagsblatt. Daher war es auch keine Katastrophe, dass mir partout kein Gedicht mehr für den Nikolaus einfallen wollte. Dafür fielen dem Rentner jede Menge Geschichten ein, die er in seinen 65 Jahren als Nikolaus erlebt hat. Und mir hat er zur Beruhigung verraten, dass sein goldenes Buch ganz harmlos ist – ein in Geschenkpapier gewickeltes Bilderbuch.