Vom 17.04.2018 -- Christoph Brüwer
Emotionen müssen draußen bleiben
Eine Rose hängt im Zaun vor den Ruinen einer Gaskammer.

Den Kugelschreiber in der einen Hand, den Block in der anderen und um den Hals die Redaktionskamera – so erlebe ich als Journalist häufig meine Umwelt. Ich versuche die Umgebung mit den Augen meiner Protagonisten zu sehen, beobachte sie und befrage sie nach ihren Eindrücken und versuche, möglichst nahe an ihnen dran zu sein. Meine eigene Meinung und Ansicht spielt dabei keine Rolle und soll soweit wie möglich ausgeklammert werden. Das ist nicht nur wichtig, um möglichst neutral zu berichten, sondern auch, um überhaupt in der Lage zu sein, an Orten wie Auschwitz meinen Job zu machen. Für eigene Emotionen ist da kein Platz.

Ich hatte Glück und durfte mit einer Gruppe aus christlichen und jüdischen Jugendlichen aus Osnabrück eine Reise nach Auschwitz erleben. Für mich bedeutete das, raus aus den Redaktionsalltag zu kommen, einen Ort zu sehen, den ich sonst vielleicht nicht besucht hätte und nach meiner Rückkehr eine Doppelseite für einen Bericht in der Zeitung zu bekommen. Auch wenn die Umgebung vor Ort dafür schwierig war.

Über eine Million systematisch ermordete Menschen, die Asche von 200.000 Toten und Gaskammern, in denen 2000 Menschen gleichzeitig ermordet wurden: Das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz und die Dimensionen, Größen und Zahlen der Vernichtung sprengen jeden Vorstellungsrahmen. Das Grauen der Verbrechen, die in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern vor über 70 Jahren passiert sind, löst bei vielen Besuchern starke Emotionen aus. Sie sind oft bleich und schockiert, müssen nachdenken, schlucken und oder auch weinen. Gefühle, die ich als Journalist nicht zulassen und zeigen darf, kann und will. Ich muss neutral bleiben, um die Jugendlichen nicht zu beeinflussen und um ihre Reaktionen beobachten zu können.

Tor zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau

Ich habe gemerkt, dass es wichtig ist, zwar nahe an den Protagonisten zu sein, gleichzeitig aber auch so viel Distanz zu Auschwitz und seiner Geschichte zu wahren, dass man nicht selbst von seinen Emotionen, Gefühlen und Gedanken übermannt wird. Andernfalls bin ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt, statt mit dem Protagonisten der Geschichte. Auch wenn ich mich als Journalist sehr für den Ort interessiere, an dem ich als Begleiter einer Fahrt bin, steht deshalb nicht meine eigene Erfahrung im Mittelpunkt, sondern die der Gruppe, mit der ich unterwegs bin. Als Journalist bin ich daher weder Teil der Gruppe, noch Leiter, sondern nehme eine ganz eigene Rolle irgendwo dazwischen an. Das ist schwierig, weil ich zwar versuche die verschiedenen Teilnehmer kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen, auf der anderen Seite aber auch als Journalist ernstgenommen werden möchte und ich eben nicht nur ein weiteres Mitglied der Gruppe bin.