Vom 26.03.2018 -- Claudia Kohler
Tom Hanks, unser Journalismus und die Demokratie
Filmplakat »Die Verlegerin«

Stellt euch vor, ihr sitzt in einem Kinosaal. Der Film unterhält euch mittelgut, die Schauspieler sind spitze. Tom Hanks spielt Ben Bradlee, den Chef-Redakteur der Washington Post; Meryl Streep seine Verlegerin, Katharine Graham. Das Jahr ist 1971. Der Skandal um die »Pentagon Papers« hat begonnen, die freie Presse legt sich mit der Regierung Nixon an.

Hanks beendet gerade eine hitzige Diskussion mit seinem Film-Kollegen Bob Odenkirk (Redakteur Ben Bagdikian):

Odenkirk: Soll ich ein bisschen herumschnüffeln?

Hanks: Nein, das ist unter deiner Preisklasse!

Die Szene ist zu Ende, aber es fehlt noch ein Übergang, ein spritziger Ausruf, was fürs Tempo. Hanks verlässt sein abgetrenntes Verschwörerzimmer und ruft in die Weite des Newsrooms: VOLONTÄR!

Tom Hanks und die Volo-Klischees

Auf einmal fangen zwei vollbesetzte Reihen vor euch lauthals an zu lachen. Perplex schaut ihr euch um. Nein, ihr habt auf diese kleine Einlage schon richtig reagiert – ein Lächeln, kein Brüller. Der Rest des Kinos ist der gleichen Meinung. Genervt fragt ihr euch, was das für eine seltsame Truppe Mittzwanziger ist.

So oder ähnlich ist das am 1. März 2018 im Royal Filmpalast in München gelaufen. Wir Volos vom #V17ifp haben uns, unterstützt von ein paar Hörfunkern, den Film »Die Verlegerin« angeschaut – und natürlich an der Stelle losgelacht, an der Tom Hanks alle Volo-Klischees bedient, über die wir selbst so gern Witze reißen: Der Unterbezahlte; der für die unangenehmen Aufgaben; der, dessen Name der Chef nicht kennt.

Auch wenn diese Vorurteile für unser Volo nicht zutreffen, Realität hatte der Film trotzdem genug. Denn neben dem witzigsten Moment der Kinogeschichte – und ja, darum streite ich mich gern – bot er einen beängstigend akkuraten Hollywood-Spiegel unseres zweiten Grundkurses: investigativer Journalismus, das Ringen um die »Pentagon Papers«, die ein ähnlicher Einschlag waren wie voriges Jahr die »Panama Papers«. Hinter deren Kulissen hat uns Investigativ-Reporterin Vanessa Wormer bei einem Redaktionsbesuch der Süddeutschen Zeitung blicken lassen. Datenjournalismus vom Feinsten, obwohl im Film nicht in Datenbanken, sondern in unordentlichen Aktenkartons gewühlt wird.

Die spitzeste Feder für den Kommentar hat auf jedem Fall die einzige Frau im Team, Carrie Coon (Redakteurin Meg Greenfield). Medienethik wird permanent diskutiert, denn die Veröffentlichung der Papers betrifft nicht nur den brodelnden Nixon, sondern auch Freunde der Verlegerin. Am Ende zählt, wie bei uns am Kursende, das beste Foto – kleiner Tipp: Es war nicht das von Nixons Tochter im Brautkleid.

Unser Nixon heißt Trump

Für uns wurde die Grundaussage des Films durch die Parallelen noch ein Stück deutlicher: 1971 ist nicht so weit entfernt von 2018, wie wir gern denken. Die sichtbar gemachten Kerne des Journalismus – gute Recherche und Integrität – gelten noch; verändert haben sich nur die Vokabeln: Die Anklage heißt nicht mehr Landesverrat, sondern Fake News. Die Schreibmaschine ist zum Smartphone geschrumpft. Nixon heißt jetzt Trump.

»Die Verlegerin« ist eine Liebeserklärung an den Printjournalismus und hat einen hohen Nostalgie-Faktor. Ich ertappe mich, wie ich mich in diese Zeit hineinträume: In den ohrenbetäubenden Newsroom, in dem kettenrauchende Journalisten über Rohrpost mit den Druckern im Keller kommunizieren. In eine Welt, in der die morgendlichen Zeitungen der Heilige Gral der Information waren.

Doch die Botschaft ist dieselbe, damals wie heute: Ohne guten, unabhängigen Journalismus funktioniert die Demokratie nicht.

Die Verlegerin - offizieller Trailer