Vom 22.06.2017 -- Sebastian Kirschner
Haltung bitte

Wie ich mit Goethe und Brecht das Sprechen lerne.

Ein Zwischenbericht

Ich bin 33 Jahre alt und habe vor zwei Monaten mein erstes Wort gesprochen. Es ist nicht so, dass ich die Jahrzehnte bisher geschwiegen hätte. Meine Eltern reiben mir heute noch mit Genuss und gespielt beleidigt unter die Nase, wie ich mit einem Jahr von „Traktor“ brabbelte, wo andere Eltern nach einem „Mama“ oder „Papa“ ihres Sprösslings lechzen. Was ich nun vor zwei Monaten begonnen habe, ist eher „Sprechen 2.0“. Es geht um das vom ifp geförderte Sprechtraining: Eine ausgebildete Sprechtrainerin übt mit mir das Sprechen für Radio, Fernsehen und Moderation – und das ist hoffentlich vom Brabbeln weit entfernt.

An meine Kindheit fühle ich mich streckenweise trotzdem erinnert. Zu Beginn war es wie damals, wenn ich in der Schule ein Gedicht rezitieren musste. Oder als würde die Stimme des Auto-Navis sich an Brecht und Goethe versuchen. Quasi Leierkasten trifft auf Hackschnitzler. Natürlich klingt definitiv anders. Aber mit den Übungen meiner Trainerin Anna mache ich anscheinend Fortschritte. Sie lobt mich, vielleicht weil ich tatsächlich besser werde, vielleicht weil sie auch einfach die Hoffnung noch nicht aufgeben will. Anna lässt mich beim Sprechen den Arm schwingen und mit der Hand eine Welle in die Luft formen. Das soll mir bei der Atmung und der Tonhöhe helfen. Ich lerne: Sprechen hat mit Haltung zu tun, sowohl körperlich als auch geistig. Wie stehe ich da? Und vor allem, wie stehe ich zum Text? Will der Autor Wut und Ärger transportieren und ich schleudere die Worte nur so von mir? Oder sind es vielleicht doch eher neugierige Fragen, die der Autor mehr sich selbst als dem Publikum stellt?

Das im Hinterkopf klappt das Sprechen recht lange recht gut. Um genau zu sein so lange, bis mir Anna Texte von Goethe, Brecht und Charms serviert. Wenn Brecht fragt, in welche Kneipe die Maurer der Chinesischen Mauer gingen, wenn Charms vergisst, ob auf die Zahl 6 eher die 7 oder vielleicht doch die 8 folgt: Mit welcher Haltung spreche ich das? Schon spüre ich meine Zunge wieder in den Leierkasten-Modus zu verfallen. „Da steh ich nun, ich armer Tor“, lese ich bei Goethes Faust und sehe mich in meinen Gedanken ertappt. Doch noch habe ich ein paar Trainingsstunden vor mir. Ich bin zuversichtlich: Im Gegensatz zu Faust fühle ich mich bestimmt bald schlauer als zuvor.

 

Foto: Sebastian Kirschner