Vom 05.07.2016 -- Lena Binz
Und plötzlich war das Auto weg: Meine EM-Erlebnisse
Im Stadion war noch alles gut - dachten wir zumindest.

Ein Praktikum beim Sport-Informations-Dienst während der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich – ja, da ist ein Traum für mich als sportbegeisterte Volontärin in Erfüllung gegangen. Täglich mit exklusiven News aus dem DFB-Quartier in Evian gefüttert werden, als Erste wissen, wen Joachim Löw aufs Feld schickt und vor Ort bei den aus der Sommerpause zurückkehrenden Bundesliga-Vereinen dabei sein. Ich schrieb Meldungen über die irischen und nordirischen Fans, die von der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo die Verdienstmedaille der Stadt für ihren vorbildlichen Sportsgeist und ihre gute Stimmung bekommen – und das in meinen Augen völlig zu recht – und berichtete über Jérôme Boatengs Sonnenbrillenkollektion. Das Achtelfinale Deutschland gegen die Slowakei schaute ich im Spätdienst im Großraumbüro und natürlich im Trikot auf der Arbeit – ein ganz neues Fußballerleben. Getoppt wurde das ganze nur von meinem Ausflug in die französische Hauptstadt zum Spiel Deutschland gegen Polen – nicht für den SID, sondern privat als Fan. Die Karten hatten wir bereits seit Juli 2015, die Unterkunft seit mehreren Monaten – bis sie uns eine Woche vor dem Spiel storniert wurde und wir, statt gemütlich mit Bahn und Übernachtung im Bett, mit dem Auto hin und wieder zurückfahren mussten. Die Vorfreude war dennoch groß – trotz Terror, trotz Hooligans. Das Stadion selbst ist einer der wenigen Blickfänge im Departement Seine-Saint-Denis. Diese Gegend hat wenig mit dem Glanz der französischen Hauptstadt gemein, stattdessen: Plattenbauten, Tristesse, Armut, Straßengangs. Polnische und deutsche Fans färbten die Straßen für einige Stunden Rot und Weiß.

Um das Stadion herum herrschten hohe Sicherheitsvorkehrungen. Dreimal wurden wir gründlich kontrolliert, bis auf die Unterwäsche, sodass wir uns im Stadion selbst sehr sicher fühlten. Das Spiel war weniger der Rede wert: 0:0, eine defensivstarke Leistung des deutschen Teams mit fehlender Durchschlagskraft im Sturm, Achtelfinaleinzug vertagt. Die Stimmung war trotzdem berauschend, eine Blaskapelle in unserem Block heizte den Fans ein und die internationalen Gesänge sorgten für Gänsehaut, die lange bis nach dem Spiel anhielt – und sich auf dem Parkplatz nochmal aufs Neue bildete. Dort, wo wir unser Auto abgestellt hatten, waren nur noch Scherben auf dem Boden zu finden. Rund herum waren beschädigte Autos, an mindestens 20 oder 30 die Scheiben eingeschlagen. Nur unser Gefährt war einfach weg. Die Vokabeln „voler“ und „voiture“ machten sich ganz gut im Wortschatz. Wir hatten Glück: Auf der Polizeiwache war unser Auto bereits gemeldet. Polizisten hatten die Täter beim Diebstahl erwischt und den PKW an einen sicheren Ort bringen lassen. Auf die Frage, wie gefährlich es in dem Departement denn sei, antwortete der Polizist „très dangereux“. Nochmal Glück gehabt. Ganz wohl habe ich mich auf dem Kurztrip nicht gefühlt, irgendwie war immer ein bisschen Angst mit dabei. Im Vorfeld hatte ich mit vielem gerechnet, aber dass uns das Auto geklaut würde, daran hatte ich keinen Gedanken verschwendet. Am frühen Freitagmorgen sind wir schließlich heil zu Hause angekommen. Und ich hatte in der Redaktion viel zu erzählen – wenig Sportliches, dafür anderes. Das war mein persönliches EM-Erlebnis.