Vom 03.06.2016 -- Melanie Pies
Tage der Gegensätze

Ich stehe in einer Menschenmasse und bekomme kaum Luft. Ich versuche mich durch die Menge weiter nach vorne zu schieben. Ein Ordner drängt mich wieder zurück in eine der Bänke. Dann eine Durchsage auf Französisch. Ich höre nur "Côte-d'Ivoire". Und plötzlich springt eine Gruppe neben mir auf, jubelt mit wehenden Fahnen. Der Grund dafür: Die Blaskapelle der Elfenbeinküste zieht irgendwo viele Menschenreihen vor mir ein. Es erinnert mich an einen Karnevalszug, vielleicht auch an Olympia. Bis mir wieder bewusst wird, wo ich mich eigentlich befinde. Ich stehe in der Unterirdischen Basilika des Wallfahrtsortes Lourdes. Für die Katholische Nachrichten-Agentur begleite ich drei Tage die internationale Soldatenwallfahrt und gerade findet die feierliche Eröffnungsfeier statt.

Eigentlich glaubte ich, den südfranzösischen Ort zu kennen. Denn seit Jahren helfe ich dort eine Woche im Mai in der Krankenherberge. Was sich aber in diesen drei Tagen abspielt, ist befremdlich, beeindruckend, schockierend und faszinierend zusammen – ein ganz anderes Lourdes. Dazu kommt natürlich auch, dass ich hier nun zum ersten Mal journalistisch unterwegs bin. Von morgens bis abends marschieren Soldatengruppen aus aller Welt mit den buntesten Uniformen durch die Straßen des kleinen Städtchens. Blaskapellen sind bis nachts um zwei zu hören. Darunter auch Lieder wie "Viva Colonia" oder "Ein Stern". Ob Spanisch oder Französisch, ob Italienisch oder Deutsch, ob Kroatisch oder Polnisch - verschiedene Sprachen spielen eigentlich keine Rolle. Denn die Verständigung funktioniert über alle Völker hinweg. Für ein paar Stunden verstummen die Trommeln irgendwann. Gar nicht selten sitzt in dieser Zeit so manch ein Soldat betend vor der Grotte.  

Und genau das ist das spannende an der Soldatenwallfahrt. Sie ist geprägt von einem ständigen Wechsel zwischen Gottesdiensten und Musikumzügen, zwischen Gebetszeiten und Barabenden, zwischen Stille und Lärm. Auch die Prozessionen der Blaskapellen werden bei einsetzender Dämmerung in die bekannten Lichterprozessionen zu Ehren der Muttergottes umgewandelt. Nicht jeder Teilnehmer ist religiös. Und doch feiern sie andächtig zusammen die Liturgien – vor allem aber ihre Gemeinschaft in diesen Tagen der Gegensätze.