Vom 22.02.2016 -- Lisa Mathofer
Hinter Gittern – zwischen Verständnis und Zweifeln

Der Schlüsselbund klappert an den dunkelblauen Gitterstäben der schweren Eisentür. Gemeinsam mit dem Seelsorger gehe ich durch das Gefängnis, er schließt zahlreiche Gittertüren auf und wieder zu. Ein langer Flur, links abbiegen, wieder Gittertüren, rechts abbiegen. Dann sind wir angekommen – auf der sogenannten Abteilung für Lebensältere. Wir laufen den schmalen Flur entlang, links reihen sich die kleinen Zellen. Die erste Tür steht weit offen. Der Bewohner der Zelle kommt heraus, grüßt uns freundlich und läuft die Treppe an Ende des Gangs herunter. Ich bin verwirrt, aber der Seelsorger klärt mich auf. Dieses Gefängniskonzept ist in NRW einzigartig: Häftlinge im Rentenalter sind hier getrennt von jüngeren Straftätern untergebracht. Die Zellen sind tagsüber offen, jeder Gefangene hat einen eigenen Schlüssel für seine rund 12 eigenen Quadratmeter und die Gemeinschaftsräume. Auch meine Vorstellung von schwarz-weiß gestreiften oder knallig orangefarbenen Einteilern hat sich schnell erledigt: die Häftlinge tragen dort ihre eigene Kleidung, sind von uns optisch nicht zu unterscheiden.

Nicht gerade das beste Gefühl

Mit dem Seelsorger folge ich dem Häftling die Treppe runter zur Küche. Der Leiter des Bereichs erzählt mir ein paar Fakten. „Die Männer die hier sind, sind meistens Ersttäter. Einige Sexualstraftäter. Andere, die – naja, ich sag mal, ihre Frau nach 30 Jahren Ehe doch nicht mehr sehen konnten“. Danke für diese einfühlsame Umschreibung. Mehr möchte ich dann doch nicht wissen, ist für meine Geschichte ja auch nicht wichtig. Ich gehe zu den Häftlingen, die an diesem Abend mitkochen. Wir geben uns die Hand, ein kurze Begrüßung. Ein bisschen skeptisch bin ich schon. Wer könnte der Sexualstraftäter sein? Sieht der da vorne nicht so aus? Und der da hinten ist bestimmt der Mörder. Bin ich eigentlich bescheuert? Schnell verwerfe ich diese Gedanken wieder. „Wo sind denn die Messer?“, ruft ein Häftling über den Flur. „Noch oben eingeschlossen, ich hole sie schnell“, ruft der Seelsorger zurück. „Da muss man keine Angst haben“, erklärt mir einer der Ehrenamtlichen, der die Häftlinge seit acht Jahren regelmäßig besucht. Naja. Mit schweren Straftätern und einem vollen Messerblock in einem  winzigen Raum, vergitterte Fenster,  verschlossene Türen. Nicht gerade das beste Gefühl.

Später sitze ich mit den Ehrenamtlichen und Häftlingen an einem Tisch, wir schnibbeln Gemüse klein, bereiten Obst für den Nachtisch vor. Und kommen ins Gespräch. Über die neuesten Nachrichten: das Zugunglück in Bad Aibling, Flüchtlingspolitik, Fußballergebnisse. Irgendwie kommen wir auf Gefängnisausbrüche zu sprechen. Ein Ehrenamtlicher erklärt, wie er am schnellsten ausbrechen würde. Jeder von uns bringt seine witzigsten Ideen ein, wir lachen zusammen. „Ich muss ja eh nicht mehr lange, da wäre ich ja schön blöd“, sagt einer der Häftlinge.

Die haben es doch verdient! Oder nicht?

Im Gespräch fällt mir auf, dass alle Häftlinge diese Daten auf den Tag genau benennen: Wann sie in die JVA rein kamen und wann sie wieder raus kommen. Sie erzählen von Urlaubstagen, geplant bis ins letzte Detail. An Weihnachten. Oder nächstes Frühjahr. Ich bekomme Mitleid. Was für eine Aussicht: Die oft letzten Lebensjahre in einem Gebäude zu verbringen, in ständiger Begleitung, jeden Tag die gleichen Gesichter. Aber die haben das doch hier auch verdient! Wer andere Menschen bedrängt oder sogar umbringt, der hat es halt einfach verdient! Da muss man auch gar kein Mitleid haben. Diesen Gewissenskonflikt zu verdrängen, das ist mir an diesem Abend zum Glück leicht gefallen. Als sich am späten Abend die letzte Gittertür wieder hinter mir schließt, weiß ich: Ich hatte einen schönen Abend, in geselliger Runde. Mit absolut herzlichen und netten Menschen, die ich kennengelernt  und trotz ihrer Vorgeschichte sehr zu schätzen gelernt habe.

Die Reportage gibt´s hier.