Vom 12.02.2016 -- Anna-Lena Herbert
Helden gesucht!

Einen Helden hatten wir beim Grundkurs für Journalisten nicht erwartet. Doch nun steht er im Seminarraum und sorgt bei uns Volontären für Unruhe – ein Geist, mit dem keiner gerechnet hat. Unsere Referentin für die Kurseinheit Sprache und Redigieren hat ihn heraufbeschworen: „Man braucht für eine Reportage einen Helden.“ Erst ist da nur betretenes Schweigen, dann leises Getuschel, schließlich laute Ungläubigkeit. „Für jede?“, fragt eine meiner Mitvolos. Unsere Referentin überlegt für ein paar Augenblicke. Und wir schöpfen Hoffnung. Vielleicht ist der Kerl, der da plötzlich so bedrohlich im Raum schwebt, ja doch nicht nötig? Aber unsere Hoffnungen werden enttäuscht, denn ihre Antwort lautet ja. Der geisterhafte Held grinst.

Damit hatten wir nicht gerechnet. Wo einen Helden hernehmen – und das am Freitagnachmittag, kurz vor dem Wochenende? Dass wir für die Kurseinheit Reportage Protagonisten benötigen würden, wussten wir. Die haben wir gefunden. Doch meist sind es Gruppen: Mitglieder einer genossenschaftlichen Gärtnerei, Männer im Obdachlosenwohnheim oder Bewohner eines Mehrgenerationenhauses. Aber einen Helden? Einen einzelnen Protagonisten, mit dessen Hilfe wir den Leser durch die Reportage führen? Den hat so gut wie keiner. Dass wir ihn brauchen würden, war uns nicht ganz klar. Leichte Panik macht sich breit. Die kann auch der geisterhafte Held nicht vertreiben, der im Schulungsraum zurückbleibt und uns mit einer durchsichtigen Hand lässig hinterher winkt, als wir ins Wochenende starten.

Am Montagmorgen wartet er noch immer auf uns – so strahlend wie schon am Freitag. Als unser Reportagereferent die Aussage seiner Vorrednerin relativiert, wird der Gute jedoch plötzlich recht blass um die Nase. Nicht für jede Reportage sei zwingend ein Held erforderlich, so seine Meinung. Große Erleichterung bei uns Volos. Der Held löst sich überrascht und ziemlich empört in Luft auf. Von wegen „Die Geister, die ich rief…“. Endlich sind wir ihn los! Befreit machen wir uns auf zu unseren Geschichten. Und schreiben, schreiben, schreiben. Und merken schnell: Eine einzelne Person zu begleiten, sie zu beobachten und von ihren Erlebnissen zu berichten, macht die Sache doch entschieden leichter. (Das hatte auch der Referent für die Reportageeinheit noch gesagt – wir wollten es nur nicht wirklich hören.) Wie ruft man noch mal Geister? … Doch natürlich bleibt der Kerl jetzt verschwunden.

Mit meiner Geschichte bin ich am Ende halbwegs zufrieden. Doch man merkt: Ihr fehlt der Held. Für die nächsten Reportagen werden wir Volos uns sicherlich alle einen Helden suchen. Nur sind die in der Realität so verdammt schwer zu finden. Aber mit ausreichender Vorabrecherche werden wir ihnen schon beikomme. Die Suche wird bestimmt spannend...

Foto: Anna-Lena Herbert