Vom 03.02.2016 -- Pia Dyckmans
Auschwitz - Nichts für die Geschichtsbücher
Das Tor vom Stammlager Auschwitz: "Arbeit macht frei" - eine Aufschrift, die den Häftlingen zunächst noch Hoffnung machte.

Auschwitz. So oft gesehen, so oft gelesen - aber nie besucht und erlebt. Nun stehe ich vor dem bekannten Tor „Arbeit macht frei“, laufe durch die Gassen der Steinbaracken, einige Stunden später über das schier endlos wirkende Vernichtungslager Birkenau. Gänsehaut läuft mir den Rücken herunter und ich habe die Bilder aus Filmen wie „Schindlers Liste“ vor meinen Augen. Unvorstellbar wie die Menschen hier hinvegetierten und von Deutschen abgeschlachtet wurden, anders mag ich es bei dem Anblick von vier zerstörten Krematorien und Gaskammern nicht ausdrücken.

Nach 71 Jahren sind wir die dritte Generation - die letzte, die die Zeitzeugen noch treffen kann. Für uns sind das Dritte Reich und die Judenvernichtung bisher ein Fall aus dem Geschichtsbuch und der Literatur gewesen - in der Schule bläute man uns ein: Das darf nie wieder geschehen, das war der Abgrund der Menschheit. Und jetzt stehen wir, 25 junge Journalisten aus Deutschland und Osteuropa – 3 davon ifp-ler -  71 Jahre später vor Alina Dabrowska, Jacek Zieliniewicz oder auch Leon Weintraub. Drei Menschen, die die „Hölle“ überlebten, wie Dabrowska selbst das Vernichtungslager nannte. Uns überkommt ein beklemmendes Gefühl. Als sie das erste Mal vor uns sitzen, huschen unsere Blicke gehemmt auf ihre Arme, sie sind verdeckt. Sie sind alle über 80 Jahre alt. Wenn sie über ihre Erlebnisse in Auschwitz sprechen, schwanken ihre Stimmen zwischen ruhig und gebrochen. Ihre Augen schauen allzu oft in die Ferne. Sie erobern mit ihrer warmherzigen und lebensbejahenden Art ­unsere Herzen. Alina Dabrowska zum Beispiel war über ein Jahr in Auschwitz, den Lebensgeist hat sie nie aufgegeben.

Inzwischen sind 71 Jahre vergangen. Wenn man als Journalist mit Auftrag an einen Ort geht, schafft man es ihn auf Distanz zu halten, die Fotokamera – mein Schutzschild. Doch Auschwitz kann man nicht lange auf Distanz halten. Die Zahl 6 Millionen wird hier all zu plastisch. Im Lager liegen Schuhe, mit Namen beschriftete Koffer und Unmengen von Haaren. Aber als Deutsche betrifft es mich auch persönlich, denn ich gehöre zum Tätervolk – auch wenn schon 71 Jahre vergangen sind. Nein, schuldig fühle ich mich auch nach diesen sechs Tagen nicht. Es ist vielmehr eine Scham, die über mich gekommen ist und mir aufzeigt, dass ich als „Lügenpresse“, wie es momentan viele schreien, einen Auftrag habe. Warum wir deutschen Journalisten umso mehr den Auftrag haben, gute Journalisten zu sein, daran erinnert uns Dr. Leon Weintraub. 

Am Gedenktag der Befreiung von Auschwitz wird mit den Überlebenden ein Gottesdienst gefeiert und wir sind mitten drin. Während der Messe sitz ich zwischen mehr als 40 Überlebenden. Um ihren Hals ein blau weiß gestreiftes Tuch mit einem roten Winkel, politischer Gefangener, darüber ihre Nummer. Für mich wie 40 Mahnmale bis in die hinteren Reihen, wo auch ich sitze. Wie Weintraub sagte, die Generation meiner Großeltern/Urgroßeltern ist die Tätergeneration, hat diesen 40 Menschen mit Halstuch unfassbares Leid angetan. Nach sechs Tagen habe ich begriffen, dass wir Auschwitz nicht ad acta legen dürfen, wie so manche fordern. So lange Überlebende ihre Geschichte erzählen und diese ihre Familie, ihr Umfeld prägt, ist Auschwitz kein Fall aus dem Geschichtbuch.

Neben mir sitzt einer von ihnen, einer der nun 71 Jahre später mit einer Deutschen Messe feiert. Nach dem ‚Vater unser‘ sagt der Bischof von Bielsko-Żywiec, Roman Pindel: „Gebt einander ein Zeichen des Friedens.“ Aus dem linken Augenwinkel sehe ich, wie der ehemalige Häftling des deutschen Konzentrationslagers sich ohne Zögern zu mir umdreht. Auch ich wende mich ihm zu, wir strecken uns die Hand entgegen und er sagt zu mir auf Polnisch: „Friede sei mit dir.“ Ein Moment, den ich nie vergessen werde, treibt mir Tränen in die Augen und zugleich packt mich die Scham. Diese Menschen, die das Schlimmste überlebt haben, sitzen nun mit uns Deutschen zusammen, ohne Hass und ohne Groll. Dafür können wir nur dankbar sein und ihre Geschichten am Leben erhalten. Warum viele der Überlebenden uns Deutschen wieder die Hand geben, das können nur sie erklären. Jacek Zieliniewicz Erklärung ist einfach, aber zutiefst bewundernswert, deswegen soll er für diesen Beitrag das letzte Wort erhalten.