Vom 20.01.2016 -- Christoph Matiss
Heimaturlaub
Universitätsstadt Jena

Es waren verdammt arbeitsreiche und nervenaufreibende Wochen für mich, rund um das Ende des alten und den Beginn des neuen Jahres. Also: Erstmal raus aus meinem Münchner Exil und Kurzurlaub in meiner Thüringer Heimat machen. Das heißt auch: Weg aus der Stadt, die vom Hauptbahnhof aus starke Bilder eines weltoffenen, hilfsbereiten Landes in die Welt geschickt hat. Stattdessen geht es nach Thüringen, wo die AfD nach einer aktuellen INSA-Befragung auf einen Wähleranteil von 13,5 Prozent kommt.

Wenn man drei Jahrzehnte in einem Bundesland gelebt hat, kann einen so schnell nichts schocken. Trotzdem steigt in mir unbändige Wut auf, als die Dame hinter mir am Bahnsteig plötzlich ruft: „Die Ibrahims haben sich natürlich wieder hingesetzt.“ Sie meint die arabisch aussehenden Männer, die – genauso wie einige Deutsche – im voll besetzten Regionalexpress am Erfurter Hauptbahnhof die Gelegenheit ergriffen haben, die leeren Sitzplätze im kleinen Abteil der 1. Klasse zu füllen. Die Frau ist verschwunden, bevor ich sie sehr deutlich mit ihrer Aussage konfrontieren kann. Dann setze auch ich mich in die 1. Klasse und fahre unter dem wolkenlos blauen Himmel nach Jena, meine Universitätsstadt.

Leider nicht das einzige aktuelle Erlebnis dieser Art. Beim Neujahrs-Besuch meiner Eltern in Rudolstadt, meiner verschlafenen, aber durchaus pittoresken Heimatstadt, entdecke ich mit großem Entsetzen ein gewaltiges schwarzes Hakenkreuz direkt an der weißen Wand neben der Haustür. „Das müssen die in der Silvesternacht gemacht haben“, erklärt meine Mutter. Wer „die“ sind, lässt sich freilich nicht sagen. Von einem kleinen Streich betrunkener Jugendlicher zu sprechen, verbietet sich wohl trotzdem.

Trotz, oder vielleicht gerade wegen, meiner Herkunft macht mich das, was Pegida, AfD und Co. in den östlichen Bundesländern veranstalten, besonders nachdenklich – und besonders wütend. Neulich habe ich in einem Facebook-Post tatsächlich von Menschen gesprochen, die „Nazis, Mecker-Ossis, Verschwörungstheoretiker – oder alles auf einmal“ seien. Gleich darauf bekam ich die folgerichtige Replik, dass ich doch bitte nicht alle Ostdeutschen über einen Kamm scheren solle. Dass ich das nicht tue, sollte angesichts meiner Vita klar sein. Und doch kommt man als junger Ostdeutscher gerade jetzt nicht umhin, die hasserfüllte Hetze aus der Heimat umso klarer und – wenn nötig – auch mit zugespitzten Worten zu beantworten.

Die nächste Gelegenheit dazu verpasse ich leider: Wenn die AfD heute in Jena demonstriert, bin ich bereits wieder in München.