Vom 29.12.2015 -- Renardo Schlege...
Merkels Tanne und Schweighöfers Strumpfhosen

Im ersten Moment war ich vollkommen von den Dimensionen erschlagen. Ein Großraumbüro mit 400 Leuten betritt man ja nicht alle Tage. Der zweite Schlag kommt, wenn einem klar wird, dass von genau hier die Nachrichten und Meldungen kommen, die das ganze Land bewegen. Dass Helmut Schmidt gestorben ist, hat Deutschland erfahren, weil jemand in diesem Raum mit seinem Leibarzt telefoniert hat. Dass die Flugbegleiter Streiken hat Deutschland erfahren, weil UFO-Chef Nicolay Baublies auf einem der 400 Telefone angerufen hat.

 

Vom ersten Tag an hatte ich einen Wunsch: Ich möchte einen Termin im Bundestag besuchen. „Das kriegen wir hin!“ hieß es von den Chefs. Man erlebt als Hauptstadtjournalist einige Termine, bei denen man ein bisschen mit den Ohren schlackert. Am Tag nach den Paris-Anschlägen war ich bei der Schweigeminute am Brandenburger Tor: Beeindruckend, bedrückend und auch leicht unheimlich. Keiner der hunderten Menschen in der Masse wurde von der Polizei kontrolliert. Anders sah es aus im Bundeskanzleramt. Ich war bei Angela Merkel weil sie ihren Weihnachtsbaum eingeweiht hat. Dafür musste ich als Reporter 24 Stunden vorher angemeldet und vom BKA durchgecheckt werden. Am Einlass musste ich sogar meinen Personalausweis abgeben, den ich erst zurück bekommen habe beim Verlassen des Geländes. Das war übrigens für mich der großartigste Moment des Praktikums, wenn man im Hof des Bundeskanzleramtes steht und ins Mikro sagt: „Hallo vom Bundeskanzleramt!“

 

Etwas verstörend ist im Gegensatz dazu die Arbeit am Roten Teppich, auch ein großer Teil des Alltags als Hauptstadt-Reporter. Wer sowas mal miterlebt hat, weiß was ich meine. Das hat nichts mit Glamour zu tun, das ist einfach ein Hauen und Stechen um die besten Töne und Bilder. Die Presseleute stehen mit zugewiesenen Plätzen in einem abgezäunten Bereich neben dem roten Teppich. Die Promis werden wie beim Spießrutenlauf da durch geschleust. Beim Verhalten besonders einiger Fotografen habe ich mich gewundert, dass es da nicht öfters mal vom Nebenmann einen Schlag ins Gesicht gibt. (Was es tatsächlich auch hin und wieder tut, wie die Kollegen berichtet haben.)

 

Immerhin hat der ganze Aufwand auch ein sehr interessantes Gespräch zwischen mir und Matthias Schweighöfer zu Stande gebracht. Renardo: „Matthias, bei dieser Kälte da draußen, wie hältst du dich am besten warm?“ Matthias: „Mütze, Jacke und Nylonstrumphosen – es wärmt.“ Und ja, Kamera und Mikro waren an. ;-)

 

Fasziniert hat mich die Arbeit bei der Hauptstadt-Agentur aus drei Gründen.

 

  1. Man weiß alles, was die Welt bewegt schon fünf Minuten vor allen anderen.
  2. Man erlebt die Pressetermine im Zentrum der Macht und spricht mit den Menschen, die das Land bewegen.
  3. Ein Beitrag, den ich mache, geht an einen Großteil der privaten Radiosender in Deutschland. Das heißt mich und meine Arbeit haben zehn Millionen Menschen, von der Nordsee bis nach Italien gehört.

 

Aber habe ich es bei all dem Hauptstadt-Trubel zum Bundestag geschafft? Die Frage stellten mir auch die Chefs im Abschlussgespräch. Leider nein. Beim Aufruhr durch die Paris-Anschläge wurden meine Pläne durcheinander geschmissen. „Das geht aber überhaupt nicht.“ sagt die Chefin. „Komm, wir fahren schnell rüber und ich zeig dir alles!“ Und so hab ich am letzten Praktikumstag auch noch den Bundestag von innen gesehen!