Vom 22.11.2015 -- Kilian Martin
Wie halt ich's mit der Haltung?
"Ein Glaube" - Detail aus dem Petersdom im Vatikan.

Journalismus ist mühsam. Wir kämpfen laufend darum, zwischen drängender Aktualität und Qualität zu vermitteln. Wer da von Zeit zu Zeit eine kurze Pause einlegt, um seinen Alltag zu reflektieren, tut sich selbst und seiner Arbeit etwas Gutes.

Vor ein paar Wochen habe ich mit einigen Kollegen meines Volo-Jahrgangs eine solche Auszeit genommen. Zur Halbzeit unseres Volontariats hatte sich auch der Geistliche Direktor des ifp, Monsignore Wolfgang Sauer, Zeit genommen, mit uns Gottesdienst zu feiern und uns einige Impulse für die nächsten zwölf Monate mitzugeben. Bei solchen Gelegenheiten merke ich, dass meine Ausbildung auf Prinzipien gründet, die mehr sind als ethisch-fromm klingende Floskeln. Ich schätze das sehr, weil es genau das war, was mich zur Bewerbung beim ifp veranlasst hatte. Die Rückbindung an den Glauben der katholischen Kirche bringt aber auch Herausforderungen mit sich, was mir am Samstag unseres gemeinsamen Wochenendes wieder einmal besonders bewusst geworden ist. Als letzte Besucher an diesem Tag der offenen Tür hatten wir die Gelegenheit, das Bischofshaus von Limburg zu besichtigen, das schon so viele Journalisten vor uns zu investigativen Höchstleistungen angespornt hatte.

Das anschließende Hintergrundgespräch mit dem Bistumssprecher war einer der interessantesten Termine, den ich während meines bisherigen Volontariats erlebt habe. Nach einigen Berichten über die bereits gut abgehandelte Geschichte von des Bischofs neuen Gemächern begannen die Rollenbilder zu verschwimmen. An einer Stelle des Gesprächs bemerkte der Pressesprecher über den Unterschied zwischen seinem und unserem Blick auf die Dinge: „Wir sitzen eben an gegenüberliegenden Seiten des Tisches“. Aber, will ich ihn ergänzen, wir sitzen am gleichen Tisch. Da saßen wir und diskutierten das Straucheln des Bischofs in seinem Amt und den finalen Sturz. Und wir überlegten, was diesen Sturz ausgelöst hatte und was dieser Sturz im Bischof ausgelöst hatte.

Das Thema, das auf dem Tisch liegt, behandeln wir aus unterschiedlichen Perspektiven. Aber es ist das gleiche Thema und wir haben alle das gleiche Interesse, es anständig, aufrichtig und entsprechend unserer Prinzipien zu behandeln. Das ist die Herausforderung des kirchlichen Journalismus. Investigativer Beißreflex ist dort ebenso fehl am Platze wie Hofberichterstattung.

Steht die Haltung gegen die Freiheit?

Im ifp gibt es derzeit eine lebhafte Debatte unter einigen Auszubildenden und Alumni um genau diesen Widerspruch. Da werden gute Argumente für ein Primat des Journalismus, also eine distanzierte, kritische Haltung gegenüber der Kirche vorgebracht. Die Argumente der Gegenseite sind für mich aber die stärkeren. Das ifp soll einen Journalismus mit Wohlwollen gegenüber der Kirche lehren, wie es eine Kollegin formulierte. Einen Journalismus also, der den Bischöfen, dem Lehramt, den Laien – der Kirche – stets zunächst unterstellt, es gut zu meinen und gute Gründe für ihr Handeln zu haben.

In Situationen wie in Limburg ist das schwierig. Wie kann man über offensichtliches Fehlverhalten noch wohlwollend berichten? Dazu braucht es gewiss sowohl das distanziert-kritische Handwerkszeug des Journalismus, wie die Haltung und den Glauben. Ich bin froh, dass das ifp im Grenzbereich zwischen wohlwollender Haltung und unreflektiertem Gehorsam keine Patentlösung lehrt. Und noch mehr bin ich froh darüber, dass an dieser Schule so wichtige, profilbildende Debatten überhaupt geführt werden können