Vom 02.10.2015 -- Samuel Dekempe
Widerlegen, Widersetzen, Widerstehen

Die zwei Volo-Jahre sind bei mir mit vielen Ortswechseln verbunden. Wo man berufliche Wege einschlägt,  sucht man sich auch seine privaten Pfade. Das ist nicht immer einfach. Aber vor allem vor dem Wechsel in eine neue Stadt findet man Lösungen, Berufliches und Privates zu verbinden.

So habe auch ich das gemacht: Nach einem Jahr bei der KNA in Bonn geht es für mich in unsere Hauptstadtredaktion nach Berlin. Davor habe ich aber noch einen Teil meiner Sachen an den Bodensee gebracht, um dort - nach den fünf Berlin-Monaten - meine Wurzeln zu schlagen.

Der Umzug vom Rhein an den See war anstrengend – aber das erste Frühstück in der neuen Wohnung ist trotzdem etwas Besonderes. Und die Lokalzeitung gibt’s auch noch dazu, denn mein Vormieter hatte vergessen sie pünktlich abzubestellen. Die Schlagzeile an diesem Morgen: In meinem kleinen 4.500-Einwohner-Ort gab es in der Nacht einen Brandanschlag – auf eine künftige Flüchtlingsunterkunft. Mitten in der Idylle. Zwischen Apfelbäumen und Traktoren. Ich bin fassungslos. Lese den Artikel noch einmal. Mache mir Gedanken: Bin ich hier echt in einem Nazidorf gelandet?

Bis jetzt habe ich mich zwar auch mit den vielen Brandanschlägen in Deutschland beschäftigt – aber immer aus der Ferne: Anhand von Pressemitteilungen und so objektiv wie möglich. Habe über sie gelesen und geschrieben. Jetzt kann ich aber nicht mehr objektiv bleiben. Ich suche nach Antworten – finde aber keine. Bis ich auf den Song „Wo bleiben die Beschwerden?“ von Enno Bunger stoße. Sein Erklärungsversuch wird für mich zur Lösung: Es sind eben nicht ein paar Nazis, die so etwas machen – sondern unsere Ignoranz. Als Journalist kann ich dieser Ignoranz etwas entgegenbringen und es anders machen: Widerlegen, Widersetzen, Widerstehen.

 

Enno Bunger - Wo bleiben die Beschwerden?