Vom 19.08.2015 -- Maike Müller
Gottesdienst to go

Ich sitze in der Ringbahnlinie. In einer guten Stunde umrundet sie die Berliner Innenstadt. Links neben mir: Ein junger Mann mit einem vor sich hin plappernden Kleinkind auf dem Arm. Rechts von mir: ein Geschäftsmann mit weißen Kopfhörern im Ohr und gebanntem Blick auf das Display seines Handys. Mit der S-Bahn fahre ich jeden Tag zur Arbeit: Einsteigen, hinsetzen, die neusten Nachrichten auf dem Smartphone checken. Dass ich mir heute die anderen Fahrgäste einmal genauer ansehe hat einen Grund: Ich berichte über einen Gottesdienst in der Ringbahnlinie um Berlin. Wie die anderen Teilnehmer habe ich einen kleinen mp3-Player an meine Jacke geheftet und bekomme immer wieder geistliche Impulse zu bestimmten Stationen, während ich zwischen meinen ahnungslosen Mitfahrern sitze. Gottesdienst „to go“ sozusagen.  So werden der mitreisende Straßenmusiker symbolisch zum Kollektensammler und die Fürbitte zu einem Wunsch für den unbekannten Fahrgast gegenüber.

Und schon sitzt der Ohrwurm fest in meinem Kopf. Der Legende nach, soll auch die Musikikone Iggy Pop von der Berliner S-Bahn zu seinem größten Hit „The Passenger“ inspiriert worden sein. Fast jeden Tag hat er demnach während seiner Zeit in der Hauptstadt Ende der 70er Jahre einen Ausflug mit dem Nahverkehr gemacht, um der Stadt und den Menschen aus immer neuen Blickwinkeln zu begegnen.

Anfangs eher skeptisch, beginnt mir die Idee der Jugendlichen zu gefallen. Auch der Alltag birgt immer wieder besondere Momente. Als Journalisten sollten wir uns offene Augen und einen neugierigen Blick bewahren. Und mit einem passenden Soundtrack im Kopf macht´s doch direkt doppelt Spaß.